Kunst mit Auftrag: Die siebte Berlin Biennale protzt mit Parolen und gibt sich politisch wie nie

Berlin Biennale - ein Spektakel ohne Inspiration

Das künstlerische Motto der siebten Berlin Biennale „Wir haben die Kraft“ steht in der Tucholskystraße in Berlin auf einem Schaufenster. Foto: dpa

Berlin. Ist Sendungsbewusstsein allein schon Kunst? Diese Frage schießt dem Besucher der Berlin Biennale beim Abklappern der Schauplätze in Berlins Mitte durch den Kopf

„Ein Künstler, der sich dem politischen Bewusstsein verschließt, ist nur ein Designer.“ So lautet Natalya Sokols Credo von der Künstlergruppe Voina aus St. Petersburg, die mit aktionistischer Straßenkunst unter anderem gegen Putin mobilmacht.  Wohl wahr.

Der polnische Künstler-Kurator Artur Zmijewski verantwortet die siebte Ausgabe der Berlin Biennale mit seiner Landsmännin Joanna Warsza, die an der Theaterakademie Warschau studiert hat und wie die Russen von Voina überwiegend an Projekten zu sozialen und politischen Fragen im öffentlichen Raum arbeitet. Durch Kunst die Welt zu verändern, schwebt ihnen vor. Ein etwas naiver Glaube.

Denkanstöße

Bereits im Vorfeld gab es viel Wirbel. Aktionen wie die des Tschechen Martin Zet mit einer Anti-Sarrazin-Buchsammel-Kampagne sorgten für Aufmerksamkeit. „Sich einmischen, Stellung nehmen, Forderungen stellen“, so fasst die Ambitionen eine Biennale-Publikation zusammen. Und was gibt es an Kunst zu sehen? So gut wie nichts.

Hauptsächlich Denkanstöße, Parolen, Pamphlete. Sie verfolgen den Besucher. Das Wort „Revolution“ darf nicht fehlen. Die zentrale Halle der Kunst-Werke wirkt wie eine Mischung aus Aktionsraum und Occupy-Lager. „This is not our museum, this is your actionspace“, steht auf einem Transparent. Auf der anderen Seite „Systemfehler, Neustart“. Schwarze und weiße Vorhänge verbergen eine Film-Lounge mit Klappstühlen.

Ein Militärzelt und ein Solar-Fahrrad haben ebenso Platz wie einzelne zusammengeschmierte Leinwände, die sich scheinbar zufällig hierher verirrten. Lettern wie „Occupy Nazifrei“ und freier Platz für Gender-Manifeste an der Wand bekräftigen das Biennale-Konzept, das sich laut Zmijewski im Satz zusammenfassen lässt: „Wir stellen Kunst vor, die tatsächlich wirksam ist, Realität beeinflusst“ - und Politik macht. Die Grenze zwischen Leben und Kunst ist aufgehoben. Diese sei ohnehin „nur Illusion“, so der polnische Provokateur.

Besucher sollen Meinung kundtun

Also keine Kunst? Zumindest jeder ein Künstler. Im Hof der Kunst-Werke liegt der riesige Schlüssel aus einem palästinensischen Flüchtlingslager gleich neben frisch gepflanzten Birken aus Auschwitz-Birkenau. Weitere Birken des Erinnerns hat Lukasz Surowiec über die Stadt verteilt. Pawel Althamer lässt Besucher zum Zeichenstift greifen, die ihre Meinung kundtun möchten.

Zmijewski verfügt über einiges Selbst- und Sendungsbewusstsein, wie diese künstlerisch reichlich uninspirierte Veranstaltung zeigt. Dementsprechend kredenzt er sich selbst als Kunstschaffenden mit seinem Videofilm „Berek“ („Fangspiel“) von 1999, der zuletzt aus dem Martin-Gropius-Bau verbannt wurde. Eine Gruppe von Erwachsenen rennt nackig und lachend durch eine Gaskammer. Soll man da etwa mitlachen? In den nächsten Wochen wird heftig debattiert werden.

Bis 1. Juli, Kunst-Werke, Keller der Akademie der Künste am Pariser Platz, St.-Elisabeth-Kirche, Deutschlandhaus und Friedrichstr. 226. Di-So, 12-20 Uhr. www.berlinbiennale.de

Von Andrea Hilgenstock

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