Spektakulär: Die Ausstellung von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser

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Hier kam die Vollbremsung zu spät: Installation in der Ausstellung „Full Stop. Forever“ im Kasseler Kunstverein. Fotos: Koch

Kassel. Bei vielen künstlerischen Arbeiten von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser geht es um die Aneignung des öffentlichen Raums – oft im Straßenverkehr. Wer bestimmt über Wege und Plätze? Wie entwickelt sich ein Wohnumfeld? Welche Eingriffe nehmen Investoren vor, was kann gemeinschaftliches Handeln der Anwohner bewirken?

Solche Fragen verhandelt eine spektakuläre Ausstellung im Kasseler Kunstverein. „Full Stop. Forever“ heißt sie. Stillstand in einer immerzu mobilen Welt, wie bei den zwei ineinandergekrachten, verkeilten, zersplitterten Fahrzeugen aus Holz in den Räumen im Fridericianum.

Köbberling und Kaltwasser zeigen aber auch, dass Neuanfänge möglich sind: Aufbrüche zu neuen Ufern. Schon weil Material recycelt, aufs Neue verwendet werden kann, etwa um über Nacht aus Brettern auf einer Wiese nahe der Gropiusstadt einen Wohnraum zu errichten. Auch die Sitzfläche in der Ausstellung, von der aus die Videoarbeiten wie jene von der nächtlichen Aktion in Berlin betrachtet werden können, ist so zusammengezimmert.

Oft geht es um Improvisieren, Experimentieren, das Verwandeln von Ressourcen – eine geschreinerte Versuchsküche („transit kitchen“) steht bereit, um Ideen für eine andere Gesellschaft zu debattieren und auszuprobieren.

Damit Neues wachsen kann, muss aber zuerst das Alte zertrümmert werden. In München hat das Künstlerduo eigens ein riesiges Papp-Parkhaus errichtet, das dann ein Mercedes per Fernsteuerung in tagelangem Hin- und Herfahren platt fuhr. Ein Vergnügen, dieser Zerstörung zuzuschauen. In Vancouver baute das Duo aus kompostierbaren Platten aus dem Olympischen Dorf einen Bulldozer - Sinnbild für Verdrängungsprozesse in der teuren Stadt am Pazifik.

Etwas Widerspenstiges hat die Kunst von Köbberling/Kaltwasser, die gemeinsam zwei Kinder haben: ob die Kamera deren Schulweg per Fahrrad dokumentiert – in der autogerechten Megastadt Los Angeles, wo das Duo ein Stipendium innehatte, ein verwegenes Unterfangen! – oder ob Folke Köbberling einen Zug im tiefsten Texas zum Halten bringt, um die frühere Bedeutung der Eisenbahn als Verkehrsmittel in den USA ins Gedächtnis zu rufen. Die Künstler bauten ein Auto, ein altes Chrysler-Modell, in ein Lastenfahrrad um oder knüpften aus 15 000 gesäuberten, zerschnittenen Plastikbechern vom Berlin-Marathon einen Vorhang – alles in Kassel zu sehen.

Konzipiert und eingerichtet hat die komplexe und klug durchdachte Kasseler Schau Folke Köbberling. Es ist für die 44-Jährige ein Heimspiel. Sie hat an der Herderschule Abitur gemacht, an der Kunsthochschule und in Vancouver studiert und lebt seit 1995 in Berlin.

Auch für Kassel sind eigene Arbeiten entstanden, etwa ein Warteraum im Kulturbahnhof mit Bänken im Stil von Barcelona und Los Angeles. Im Kunstverein zitieren Papp-Säulen die klassizistische Fassade des Fridericianums. Sie verweisen gleichzeitig aufs Parkhaus unter dem Museum. Um den Friedrichsplatz stillzulegen, leitete man an einem Sonntagmorgen den gesamten Verkehr durch das Parkhaus um. Auch das dokumentiert ein Video: der stillgelegte Platz als ein utopischer Ort der Freiheit.

Bis 1. Juni, Kasseler Kunstverein im Fridericianum, Mi-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Eintritt 4/2 Euro, Mi frei. Führungen am 12. und 26.4., 10. und 24.5., jeweils 14 Uhr. Künstlergespräch am 14.5., 20 Uhr. www.kasselerkunstverein.de

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