Der Roman zur Wahl: Die Kanzlerin trinkt Eierlikör

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Es führen nicht viele Wege zum Sieg bei der Bundestagswahl: Auch die Kanzlerin, hier auf einem Plakat an der Nordsee, kommt in Markus Feldenkirchens Roman „Keine Experimente“ vor.

Die Texte von Markus Feldenkirchen sind das Beste, was „Der Spiegel“ zu bieten hat. Seinen Sinn für Ironie und Sprachwitz beweist der Parlamentskorrespondent auch in seinem zweiten Roman, in dem der 37-Jährige von einem fiktiven konservativen Bundestagsabgeordneten erzählt, wie es ihn eigentlich nicht mehr gibt.

Ein typischer Satz aus „Keine Experimente“ lautet: „Frederik Kallenbergs Weg in die Politik führte durch eine altdeutsche Schankstube, an deren Theke die üblichen Trinker saßen.“ Kallenbergs Karriere beginnt mit einer abstrusen Versammlung der Jugendorganisation in einer Sauerland-Kneipe, wo sich die Mitglieder Slogans ausdenken wie: „Am Biggesee wählt man das C.“

Auch wenn Feldenkirchen die CDU nicht beim Namen nennt – sein Kallenberg aus dem Sauerland-Dorf Waldhagen steht für den Wandel, den die Union durchgemacht hat. Er ist ein Wertkonservativer, der den Feminismus für Teufelszeug hält und für ein Müttergeld streitet, damit Frauen zuhause bleiben können.

Der Familienvater will die Welt besser machen, in dem er sie so lässt, wie sie in den 50er-Jahren einmal war. Doch dann verliebt ausgerechnet er sich in eine junge grüne Feministin aus Kreuzberg. Von da an ist nichts mehr, wie es einmal war. Und dann ist Kallenberg auch noch von einem auf den anderen Tag verschwunden.

Autor Markus Feldenkirchen

Den Berliner Politbetrieb kennt Feldenkirchen bestens. Er berichtet von unfairen Tricks in Talkshows und von Fahrern, die für Abgeordnete oft die einzige Verbindung zum Volk seien. Doch „Keine Experimente“, dessen Titel auf die gleichnamige Parole der CDU im Bundestagswahlkampf 1957 anspielt, ist nicht nur der Roman zur bevorstehenden Wahl, sondern auch eine unterhaltsame Gesellschaftsstudie zwischen Metropole und Provinz. In Rückblenden erzählt Feldenkirchen, warum Kallenberg, dessen Vater ein Trinker war und dessen Mutter er beim Seitensprung erwischte, so ist, wie er ist.

Dabei macht sich der Autor keineswegs lustig über seinen Protagonisten. Im Gegenteil: Kallenberg weckt beim Leser viel Sympathie. Erst recht, als er von der Kanzlerin zum Rapport bestellt wird. Bei Eierlikör im Kanzleramt fordert sie von ihm, seine Kampagne für das Müttergeld zu beenden.

Das offene Ende schwächelt ein bisschen. Hängen bleiben jedoch Sätze wie die von Kallenbergs Kollegen, der einmal feststellt, nirgends werde so viel gelogen wie auf Beerdigungen und in der Politik.

Markus Feldenkirchen: Keine Experimente. Kein & Aber Verlag, 398 Seiten, 22,90 Euro. Wertung: vier von fünf Sternen.

Von Matthias Lohr

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