Aufführungen überall: Schultheater-Experte Klaus Riedel über die Bedeutung von Theaterunterricht

„Im Spiel Realität verändern“

So stellt sich heute Schultheater dar: Mit diesem Foto wirbt die Theater-AG der Reformschule Kassel für ihr Stück „Lucie im Wald mit den Dingsda“ nach Peter Handke. Premiere ist am 25.6. in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule Kassel, 19 Uhr. Foto:  nh

in Aulen und Turnhallen überall im Land stehen derzeit Schüler auf den Bühnen: Vor den Sommerferien ist die große Zeit der Schultheateraufführungen. Seit es das Unterrichtsfach Darstellendes Spiel (DS) gibt, hat sich Schultheater massiv verändert. Wie sehen solche Abende heute aus? Darüber sprachen wir mit Klaus Riedel, Vorstand des Landesverbandes Schultheater in Hessen und Lehrer in Bad Hersfeld.

In amerikanischen Familienfilmen geht es oft darum, dass Eltern noch in letzter Minute in die Schulaufführung ihrer Kinder huschen. Warum ist so eine Aufführung wichtig?

Klaus Riedel: Theater findet statt, wenn Publikum da ist. Das ist die Definition. Man braucht die Aufführung, damit Schüler ihre Arbeit ausstellen können.

Warum ist es wichtig, dass Eltern dabei sind?

Riedel: Wir freuen uns, wenn Eltern kommen, aber Schultheater ist heute so weit, dass es auch außerhalb der Verwandtschaft interessant ist. In den Kinofilmen ist es ja immer so, dass Eltern ihre Kinder auf der Bühne neu entdecken. Aber Schultheater ist heute nicht mehr wie im Film.

Immer mehr Schüler spielen Theater, seit es DS gibt. Warum ist Theater wichtig?

Riedel: In Rollen schlüpfen, im Spiel Realität verändern - das hat heute genau die Bedeutung wie damals, als Theater entstanden ist. Schüler lernen außerdem die Ästhetik einer der ältesten Kunstformen - ganz praktisch im Spielen. Das ist sehr ganzheitlich: Ich erfahre meinen eigenen Körper, meine eigene Sprache.

25 Jugendliche, 90 Minuten und ein Klassenzimmer: Was kann man da erarbeiten?

Riedel: Ich hoffe, dass sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass das Fach einen Fachraum braucht, ohne Pulte und Stühle. In der Oberstufe erarbeiten wir eine Spielform, etwa Commedia dell’Arte oder Straßentheater. Oder wir nehmen uns ein Thema vor und erarbeiten das theoretisch und mit Übungen.

Schultheater geht zur Zeit weg von den Klassikern. Was streben Lehrer heute an?

Riedel: Schultheater kann sich dann sehen lassen, wenn es sich seiner Grenzen bewusst ist. Wir machen keine Zweieinhalb-Stunden-Aufführungen mehr. Aber weg von den Klassikern gehen wir nicht. Schüler eignen sich vielmehr die Themen der Klassiker an. Bei einem „Faust“ haben die Schüler sich zum Beispiel mit Grenzüberschreitungen beschäftigt. Wo überschreitet Faust Grenzen, wo erfahren Schüler heute Grenzen? Die Texte werden nicht mehr auswendig gelernt, sondern entstehen im Prozess. Man hofft immer, dass sie eine Woche vor der Aufführung fertig sind. Und Lehrer begreifen sich nicht mehr als verkappte Regisseure.

Woran merkt man das?

Riedel: Man sieht immer, ob an einer Produktion die Gruppe beteiligt war, oder nicht.

Was hat sich durch das Fach Darstellendes Spiel an Schulen verändert?

Riedel: Theater ist in den Schulen präsenter. Uns sprechen Lehrer anderer Fächer an, sie fragen zum Beispiel bei einem Tag der offenen Tür, ob wir ihre Schüler mit Theaterunterricht unterstützen können, auf Besucher zuzugehen.

Sie waren gerade Juror in Berlin beim renommierten Theatertreffen der Jugend. Was haben Sie dort gesehen?

Riedel: Spannendes. Zum Beispiel „Revolution reloaded“ nach Schillers „Räuber“, worin Punks sich fragen, wo heute Revolution möglich ist. Oder eine Hamlet-Version, wo Ophelia überlebt und sich mit dem Weichei Hamlet auseinandersetzen muss. Toll.

Werden aus Schülern, die Theater spielen, auch interessierte Theatergänger?

Riedel: Wir gehen sehr viel ins Theater, entwickeln eine Terminologie für das, was wir sehen. Meine Schüler sind große Fans geworden.

Von Bettina Fraschke

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