Das Kinderstück „Schwarz wie Tinte“, inszeniert von Dieter Klinge, holt Schneewittchen ins Heute

Spiel voller Wärme und Tiefe

In vielen Rollen zu Hause: Christina Weiser (links) und Marie-Claire Ludwig. Foto: Klinger

Kassel. Eine schöne Zumutung ist „Schwarz wie Tinte“, das Stück der 2008 verstorbenen niederländischen Autorin Ruth de Gooijer. Keine leichte Märchenkost, betulich inszeniert. Die Adaption des gleichnamigen Buchs von Wim Hofman verlangt den Zuschauern - es wird Kindern ab acht Jahren empfohlen - einiges ab.

Es ist ein hoch verdichtetes Stück im Stück, mit mehreren Ebenen, Vor- und Rückblenden, voller Leichtigkeit, Witz und Komik einerseits. Andererseits: Ein schweres Stück voller Dramatik und Grausamkeit. Es wird spannend erzählt, furios gespielt und schön gesungen in der Inszenierung von Dieter Klinge, die am Sonntag Premiere im tif hatte (Musik: Georgy Vysotsky).

„Schwarz wie Tinte“ holt das Grimm’sche Märchen von Schneewittchen ins Hier und Jetzt. Es geht um zeitlose Fragen, natürlich um Gut und Böse, um Kinderliebe und Mutterhass, um elterliche Gewalt, Angst und Vertrauensverlust und um die Sehnsucht nach dem glücklichen Ende. Nacherzählen und Nachdenken greifen trefflich ineinander.

Marie-Claire Ludwig und Christina Weiser gelingt es beeindruckend, dem komplexen Stoff Leben, Wärme und Atmosphäre einhauchen. Sie agieren auf fast leerer Bühne: Mehrere lichte Reihen Gummiseile sind von der Decke zum Boden gespannt - mal einen Wald darstellend, mal Fenster, mal Spiegel und dann sogar eine Bassgitarre. Hinzu kommen zwei Hocker und eine Verkleidungskiste, die erst zum Bett wird, dann zum Glassarg (Bühne und Kostüme: Ursula Kriegel).

Diese karge, dunkle und doch luftige Szenerie lässt der Fantasie der Zuschauer viel Raum. Marie-Claire Ludwig und Christina Weiser scheinen wie zwei Sonden in die tiefen Schichten des Grimm’schen Märchens einzutauchen.

Beide schlüpfen in die verschiedenen Rollen, wobei das Verkleiden als Teil des Spiels sehr komische Momente zeitigt. Christina Weiser wirkt als Schneewittchen schmal und etwas zerbrechlich, ist jedoch höchst agil, mit großartiger Mimik und viel Ironie und betörender Schalkhaftigkeit ausgestattet.

Marie-Claire Ludwig verkörpert nicht nur den im Zwiespalt gefangenen Jäger, sondern auch die böse Stiefmutter, die putzigen sieben Zwerge (als umwerfendes Hütchenspiel) sowie zum Schluss den rettenden Prinzen.

Die Kinderwelt ist nicht rosa wie Lillifee, sondern auch schwarz wie Tinte. Langer Applaus für ein Stück, das nicht brav daherkommt und den jungen Zuschauern einiges abverlangt.

Wieder am 5., 23. und 31. Oktober. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Andreas Gebhardt

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