Spiel mit der Wahrnehmung

Documenta-Künstler im Museum für Gegenwartskunst in Bozen zu sehen

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Dieses Schlagzeug war mal die Karosserie eines Polizeiautos in den USA: „Drumkit“ von Michael Sailstorfer.

Bozen. Es ist immer wieder erstaunlich, welchen Karriereschub eine Teilnahme an der documenta bedeutet und wo man überall auf documenta-Künstler trifft. In Bozen zum Beispiel, im großartigen Museion, stellt zurzeit Ceal Floyer aus, die 2012 im Fridericianum vertreten war.

Auch in der zweiten aktuellen Schau, einer Präsentation der „unbekannten Seite der Sammlung Goetz“, sind zahlreiche documenta-Teilnehmer wiederzusehen.

Ceal Floyer, 1968 in Karachi geboren, am Goldsmith College in London ausgebildet, in Berlin lebend, fordert Geduld und Konzentration. Ihre künstlerischen Eingriffe sind oft minimal, sie setzt, immer aufs konkrete Umfeld bezogen, auf winzige Verschiebungen der Wahrnehmung, Unterbrechungen von Gewohnheiten. Bei der documenta 13 lief in einem leeren Raum die Endlosschleife eines Tammy-Wynette-Songs, „So I’ll just keep on/Til I get it right“ (den Loop kann man noch auf Youtube hören).

Auch ihre Bozener Präsentation ist karg, zurückhaltend. Sie spielt mit Bedeutungen. Ein verändertes Notausgangsschild, Pfeile auf dem Fußboden als „Meeting Point“ wie auf einem Flughafen - manches fällt kaum auf. Winzige Fotoecken in den Fenstern sollen sich laut Katalog gegen die „erdrückende Konkurrenz“ der Landschaft auflehnen - und gehen angesichts des spektakulären Blicks total unter.

Wenn Floyer Karteikarten so arrangiert, dass die Buchstabenreiter, nicht die Karten perfekt hintereinander liegen, wenn sie eine Glühbirne mit einem Overhead-Projektor so projiziert, dass sie von der Decke zu hängen scheint, stellt sie die übliche Ordnung ironisch in Frage. Ebenfalls auf die eigene Wahrnehmung zielen zwei Fotos eines halbvollen Glases, einmal „half full“, einmal „half empty“. Akustisch untermalt wird ihre Ausstellung von „Scale“, einer Treppe aus Lautsprechern, einer „Ton-Leiter“.

Gehört Floyer das großzügige Obergeschoss, wird auf zwei Etagen „When Now is Minimal“ gezeigt. Der Minimalismus der 60er-Jahre setzte sich mit geometrischen Grundformen auseinander, serieller Reihung, industrieller Herstellung, dem Verzicht auf Symbolgehalt und Bedeutungszuschreibungen, dem Verhältnis von Raum, Werk und Betrachter. Aus der riesigen Münchner Privatsammlung von Ingvild Goetz, Tochter des Versandhaus-Gründers Werner Otto, werden mehr als 100 Werke von 27 Künstlern gezeigt, um Verbindungslinien zwischen Gegenwartskunst und minimalistischen Positionen zu zeigen.

Vertreten sind Fischli & Weiss mit der Plastik „Fabrik“ - was wie Beton aussieht, ist Polyurethanschaum - , Ulrich Rückriem, Imi Knoebel, Blinky Palermo, Rosemarie Trockel mit Strickbildern und Ai Weiwei (ein Quader aus gepresstem Tee). Das Farbkonzept mit grellem Grün und schrillem Pink stammt von Gerwald Rockenschaub, der bei Roger M. Buergels documenta 12 eine herausragende Präsenz hatte.

Für Südtirol-Reisende, die gern Museen besuchen, ist nicht nur das eindrucksvolle Archäologiemuseum in Bozen ein Ziel, das den Gletscherfund „Ötzi“ beherbergt. Das Museion (griechisch Musen-Tempel) versteht sich als Drehscheibe der internationalen Kunstszene. Der tolle Neubau an der Talfer (2008) stammt vom Berliner Architektenbüro KSV Krüger, Schuberth, Vandreike.

„When Now is Minimal“ läuft bis 5. Oktober. Die Ceal-Floyer-Schau endet am 4. Mai. Im Herbst stellen weitere d13-Teilnehmer aus: Natascha Sadr Haghihian (sie hatte den Trampelpfad in der Karlsaue angelegt) und Nanni Balestrini. www.museion.it

 

Von Mark-Christian von Busse

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