Spiele im Kloster: Wo die Äbtissin austeilt

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Kartenspiel im Kloster: Gemälde eines unbekannten Meisters aus dem Damenstift Quedlinburg (1792).

Dalheim. Dass man in den Klöstern nicht nur gebetet und gearbeitet hat, wurde schon immer gemunkelt. Nun ist es offenbar: Auch im Hafen des Heils am Ufer des gefahrvollen Meeres dieser irdischen Welt wurde gespielt.

Kloster Dalheim bei Lichtenau (Kreis Paderborn) ist Schauplatz des ersten umfassenden Überblicks über die klösterliche Spielkultur vom frühen Mittelalter bis heute. Zu sehen ist die Schau mit über 300 Exponaten von mehr als 60 internationalen Leihgebern im Landesmuseum für Klosterkultur, eine bundesweit einmalige Einrichtung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

„Es ist erforderlich für die Entspannung des Geistes, dass wir von Zeit zu Zeit spielerische Aktionen und Scherze setzen“, fand der Dominikaner Thomas von Aquin (um 1225-1274). Aber es gab Gegenstimmen. Der Franziskaner Berthold von Regensburg konterte um 1250: „Es geschehen nämlich viele tausend Sünden durch das Würfelspiel, die sonst nie geschähen: viele tausend Leiber und Seelen gehen verloren.“

Würfelspiele galten als besonders verwerflich, würfelten doch die Soldaten unter dem Kreuz um die Kleider Jesu. Gleichwohl gaben sich Mönche und Nonnen diesem verteufelten Vergnügen hin. Beweise wurden auch im Kloster Dalheim ausgegraben: Ein ganzes Sortiment kleiner Würfel, die auf das 13. bis 16. Jahrhundert datiert werden. Auch Murmeln kamen zu Tage.

Zu den ältesten und wertvollsten Exponaten gehören Handschriften aus der weltberühmten Stiftsbibliothek von St. Gallen. Eine um 790 verfasste Sammelhandschrift enthält eine Art Bibelquiz. Kuratorin Helga Fabritius: „Diese klösterlichen Scherzfragen dienen neben dem Unterhaltungswert dazu, sich biblische Inhalte nachhaltig einzuprägen.“ Der Spielende muss um die Ecke denken. Beispiel: „Welche Hunde hörte die ganze Menschheit bellen? Die auf der Arche Noah.“

Das Ölgemälde (1792) eines unbekannten Meisters zeigt, wie die dem Damenstift Quedlinburg vorstehende Äbtissin Maria Elisabeth, Herzogin von Holstein-Gottorp, die Karten für die nächste Runde austeilt. Als das Edelste unter den Spielen galt Schach. Ausgestellt sind exquisite Schachfiguren wie die des Osnabrücker Domschatzes, die im Vorderen Orient oder in Spanien vor rund 1000 Jahren aus Bergkristall angefertigt wurden.

Im zweiten Teil geht es um Musik und Mysterienspiele. Die ältesten Instrumente sind zwei Knochenflöten aus dem ehemaligen Benediktinerkloster in Müstair (8./9. Jh.). Jesuskindfiguren dienten den Nonnen als Meditationshilfe bei der privaten Andacht in der Einzelzelle. Andere Figuren kamen bei Prozessionen zum Einsatz, um das Heilsgeschehen sinnlich erfahrbar zu machen.

Zu ihnen gehört der aus dem Dominikanerinnenkloster St. Katharina in Wil stammende Christus auf dem Palmesel (1500/10), der auf einem vierrädrigen Wägelchen steht. Das ermöglichte, den Heiland bei der Palmsonntagsprozession durch den Kreuzgang zu ziehen.

Bis 3.11., Adresse: Am Kloster 9, Lichtenau-Dalheim. Anfahrt über A 44, Abfahrt Lichtenau (Westfalen), Tel. 05292/93190, www.stiftung-kloster-dalheim.lwl.org

Katalog (Kunstverlag Josef Fink) 16,90 Euro.

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