Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ erweist sich im tif auch nach über 40 Jahren als brillanter Text

Wir spielen nicht und spielen eben doch

Dicht am Zuschauer: Enrique Keil spricht das Publikum an - und beschimpft es. Foto: Ketz

Kassel. „Wir spielen nicht. Wir sprechen nur.“ Immer wieder unterstreichen die Schauspieler: Hier gibt es kein Stück, keine Handlung, Dialoge, Charaktere. Keine Illusionen, Kunstgriffe, Täuschungen. Nichts von dem, was Theater ausmacht. „Sie sind das Thema, Sie sind das Ereignis“, richten sich die fünf Darsteller an die Zuschauer. Erwartungen der Besucher, Rituale des Theaters werden kurzweilige eineinhalb Stunden lang formuliert - und gleichzeitig verweigert, unterlaufen.

Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“, das am Freitag in Volker Schmalöers Inszenierung am Kasseler Staatstheater mit freundlichem Beifall aufgenommen wurde, ist Theater, das auf die Pelle rückt. Im Wortsinne: Im tif wurden die Zuschauerreihen abgebaut, die Gäste im nicht ganz vollen Kellerraum des Fridericianums sitzen in zwei Reihen wie an einem riesigen Tisch (Ausstattung: Valentina Crnkovic).

Es ist wie im Zirkus, wo man hofft, nicht vom Clown in die Manege geholt zu werden: Auf den Tischen und in Lücken darin sowie ringsum, also im Rücken der Zuschauer, sprechen und schreien Marie-Claire Ludwig, Enrique Keil, Frank Richartz, Daniel Scholz und Uwe Steinbruch das Publikum an - fast ohne Requisiten, in Kleidern, an denen Preisschilder hängen, farblos-neutral wie der Boden. Aber die Besucher reagieren, von Lachern abgesehen, nicht.

Anders 1966: Bei der Uraufführung tobte der Saal. Die 60er-Jahre - Infragestellen aller Konventionen, Aufbegehren gegen Muff und unschönen Schein - all das, man merkt es einmal mehr, ist lange her. Das heißt nicht, dass „Publikumsbeschimpfung“ nicht ein großartiger Text ist, der den fabelhaften Schauspielern eine hohe Konzentrationsleistung abverlangt. Souverän setzt er sich, von Aristoteles über Schiller bis zu Brecht, mit dem Theater auseinander, etwa mit der Einheit des klassischen Dramas von Handlung, Raum und Zeit.

Man hört aufmerksam und spürt genau, was Handke gereizt hat, die „Massenmenschen“ aus ihrer Zuschauerrolle und Konsumhaltung, aus dem „Muster“ zu reißen, das sie in den Reihen bilden, sie zu handelnden, bewussten Individuen zu machen, und was die aufgebrachten Besucher („Mitläufer, Ewiggestrige“) nur 20 Jahre nach Kriegsende provoziert hat: Das hier sind keine Bretter mehr, die die Welt bedeuten, die Welt ist außerhalb, sie muss verändert werden. Das Stück ist nur „Vorrede“.

Natürlich kalkuliert Handke, dass man merkt, dass vordergründig Regeln ausgehebelt werden, aber doch „gespielt“ wird: Hier werden Möglichkeiten des Theaters dementiert, aber gerade erweitert. Auch in dieser Aufführung.

Unvermittelt kippt am Ende die intelligente Reflektion über die Rolle des Theaters in plumpe, wüste Beschimpfung. Als habe es Handke bewusst darauf abgesehen: So, jetzt sorge ich noch für einen Skandal. Dass er inzwischen ausbleibt, ist keine Überraschung, aber auch keine Einschränkung eines spannenden Theaterexperiments. Und lässt danach fragen, welche Bedeutung Konventionen heute haben, welche Tabus eigentlich bleiben.

Nächste Termine: 8., 9., 24., 30., 31.10., Tel. 0561/1094-222, staatstheater-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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