Bei den Bad Gandersheimer Domfestspielen gab es viel Applaus für das Musical „Chess“

Spielfiguren des Schicksals

Turnierstimmung: Thomas Christ als Amerikaner Frederick (links) spielt Schach mit Dirk Walter als Russe Anatoly. Dahinter wacht Karsten Kenzel als Schiedsrichter. Foto:  Jelinek

Bad Gandersheim. Ein kleines italienisches Restaurant, zwei Gläser Weißwein, man kommt sich näher - und schon tragen auf der Bühne der Bad Gandersheimer Domfestspiele die Kellner ein großes Bild mit einem Sonnenuntergang herein, damit die romantische Stimmung für Anatoly und Florence noch gesteigert wird. Sie postieren sich hinter dem Noch-nicht-ganz-Liebespaar und machen mit den Lippen „ksss-ksss-ksss“: Natürlich, die Grillen zirpen in so einer romantischen südeuropäischen Nacht. Toller, lustiger Einfall in der Inszenierung des Musicals „Chess“ auf der Freilichtbühne vor dem Dom am Harzrand.

Das Publikum auf ausverkauften Rängen spendete nach knapp zwei Stunden begeistert Beifall für eine flotte, schön durchchoreografierte Inszenierung von Christian Hockenbrink und das solide Sänger- und Tänzerensemble. Für die von den Abba-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus geschriebene Musik hätte man sich noch mehr Opulenz und Schwelgen in den Abba-artigen Klängen gewünscht, die zehnköpfige Band unter Leitung von Heiko Lippmann gestaltete den Sound eher zackig-kühl.

Die Geschichte bewegt: Der sowjetische Schachmeister Anatoly (zeigt viel menschliche Zerrissenheit: Dirk Weiler) und sein Turnierkontrahent Frederick aus Amerika (Thomas Christ als Sonnyboy am Rand der Verzweiflung) werden in den 70ern zum Spielball der Politmächte. Anatoly steht zwischen zwei Frauen, die auf der von immer mehr großen Schachfiguren besetzten Bühne (Ausstattung: Kati Kolb) für die emotionalsten Momente sorgen. Alexandra Farkic als Ehefrau Svetlana erzeugt Gänsehautmomente mit ihren Liedzeilen „Einmal nur im Leben möcht’ ich frei sein“.

Navina Heyne ist als Florence der Star des Abends. Erst die missachtete Gefährtin des Amerikaners, kommt sie dann - in jenem italienischen Restaurant beim Grillenzirpen - Anatoly näher. Doch eine Zukunft für die beiden ist fraglich. Mühelos bis in die Höhen lässt Navina Heyne ihre strahlende Stimme strömen, mit ebenso viel Power wie Wärme gestaltet sie ihre großen Partien, vor allem das vielschichtige „Bin in Himmels Hand“.

Alle Hauptfiguren sind vom Schicksal gebeugt - für den Kontrast zu diesen tiefgründigen Szenen ist Karsten Kenzel zuständig. Er spielt den schrillen Turnierschiedsrichter mit violetter Glanzschleife und weißem Smoking - ein Disco-Dompteur. Sechs vielseitige Tänzer sorgen zusätzlich für Schwung, wirbeln herum, posieren und werfen sich für die große Disco-Tanznummer mit dem von Kenzel gesungenen, schmissigen Welthit „One Night In Bangkok“ in derart scheußliche 80er-Jahre-Fummel, dass es eine Freude ist.

Wieder am 22., 25., 28.7. , Kartenzentrale: Tel. 01805 953030.

Von Bettina Fraschke

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