„Platonowa“ zum Auftakt

Spielzeitstart im Schauspielhaus  Hannover: Vom Abbröckeln der Ideale

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Offene Szenerie: Nicolai Gemel (von links), Amelle Schwerk, Anja Herden, Mohamed Achour, Nicolas Matthews, Wolf List, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Viktoria Miknevich.

Am Schauspielhaus glänzt das Ensemble in einer kraftvollen und sensiblen Fassung von Tschechows "Platonow", die hier "Platonowa" heißt

Hannover - Zu lauter Musik tanzen die Darsteller auf die Bühne. Flippen herum, verausgaben sich, klettern in die Zuschauerreihen hinein und rufen „Alles Gute“. 

Ein herrlich doppelbödiger Wunsch zum Spielzeitstart der neuen Intendanz am Schauspiel Hannover – es geht um die Hochzeitsfeier in „Platonowa“ nach Anton Tschechow, aber die Worte aus dem Song von Faber werden dann auch zum Wunsch an Ensemble und Zuschauer. Ein Aufbruch. Wenn er so fröhlich und kraftvoll weitergeht wie an diesem Sonntagabend, wird es eine gute Saison.

13 Darsteller pumpen mit ihrer Power und Physis Hochdruckenergie in den ausverkauften Saal. Sympathisch. Und ein Kontrast zu Tschechows filigraner Erzählstruktur. Mascha Platonowa (Viktoria Miknevich) kehrt nach längerer Zeit zurück zu ihren alten Freunden. Was ist aus den alten Idealen geworden? Und was aus den Gefühlen? Liebe, Sehnsucht, Begierde lassen sich nicht von Höflichkeiten übertünchen. Kurz vielleicht. Doch im Festgetümmel und vom Alkohol hervorgelockt drängen sie unweigerlich irgendwann an die Oberfläche.

Tschechow ist Meister der Subtilität, hinter handlungsarmen Szenen und knappen Dialogen lässt er ein komplexes Beziehungsgeflecht aufscheinen. Mit viel Beweglichkeit und angereichert mit heutiger (Umgangs-)Sprache („Ich werde dich sowas von erstechen!“) erschaffen die Darsteller in Stephan Kimmigs Regie liebevolle Figurenskizzen, Miniaturen von Wunsch und Scheitern.

Hochfliegend sind die Ich-Konzepte dieser passiven Bourgeoisie, doch daraus folgt dann doch kein Aufbruch. „Du kennst auch den Schmerz, der entsteht, wenn man zu viele Träume hat“, sagt einer. Man parliert nur davon, alles hinter sich zu lassen, man wäre gern jemand, der so romantisch wäre, für seine Liebe tatsächlich alles zu geben. Man ist es aber nicht, das wird psychologisch sehr genau herausgearbeitet. Man zündet sich lieber noch eine Zigarette an, gießt noch einen Schnaps ein, mischt die Spielkarten.

Platonow ist hier Platonowa – eine Inszenierungssetzung, die zum Konzept der neuen Intendanz passt, mehr weibliche Perspektiven zu zeigen. Das löst sich völlig ohne Brimborium so ein, dass es nicht aufgesetzt wird. Mascha in maskuliner Anzugweste (Kostüme: Anja Rabes) hat einst diese geliebt, wurde von jenem begehrt, ist jetzt mit dieser zusammen. Aber wie lang noch bei all dem Fremdflirten? Aus dem eindrucksvollen Ensemble ragen Anja Herden als desillusionierte Niko und Amelie Schwenk als schockverliebte Natalia heraus.

Auf der überdachten Terrasse mit den Gartenstühlen (Bühne: Katja Haß) entlocken Kimmig und seine Darsteller den luftig geknüpften Szenen und nahbaren Figuren viel Identifikationspotenzial. Ein bisschen zu häufig allerdings bricht aus jemandem Geschrei, Gesang, Zappelei oder der Wunsch hervor, Tellerstapel zu zerdeppern. Dann wird die feine Textur der Emotionen durch Gedröhn überdeckt. Einziger Kritikpunkt enes gelungenen, euphorisch beklatschten Abends.

Wieder am 21., 24.9., Karten: Tel. 0511 / 99 99 11 11.

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