Spitze Komödie „Der Vorname“ am Jungen Theater Göttingen

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Szenen aus dem Bildungsbürgertum: (von links) Dirk Böther, Constanze Passin, Gintas Jocius und Philip Leenders

Göttingen. Werdende Eltern haben es nicht leicht, insbesondere dann, wenn es um die Auswahl eines passenden Vornamens für den neuen Familienspross geht.

Dass das Ergebnis dieses Selektionsprozesses im Freundeskreis nicht immer auf Wohlwollen stößt, zeigt nun das Junge Theater in Göttingen mit der Inszenierung von „Der Vorname“, einer herrlich bissigen Gesellschaftskomödie voller Wortwitz und intelligent in Szene gesetzten Seitenhieben auf die moderne Bildungsbürgerschaft. Der renommierte Literaturprofessor Pierre (Dirk Böther) und seine Frau Elisabeth (Constanze Passin) laden ihre besten Freunde, den Posaunisten Claude (Gintas Jocius), Elisabeths Bruder Vincent (Philip Leenders) und dessen schwangere Frau Anna (Elisabeth-Marie Leistikow) zu einem gemeinsamen Dinner ein.

Als der aufwieglerische Vincent den für seinen Sohn geplanten Vornamen verkündet, gerät der Abend aus dem Ruder: Pierre ist so entsetzt über die Wahl seines Schwagers, dass er diesem wutentbrannt einen Vortrag über die Zulässigkeit von Namen hält, der Vincent wiederum dazu verleitet, auf der linksliberalen Pseudomoral des intellektuellen Pierre herumzureiten.

Bald liegen die Nerven aller Beteiligten blank und die anfängliche Diskussion artet in einen unsachlichen Streit aus, in dem sich die Freunde lange unausgesprochene Gemeinheiten an den Kopf werfen: So fand Anna die Namen von Pierres und Elisabeths Kindern schon immer peinlich, der friedfertige Claude wird als verkappter Klischee-Homosexueller dargestellt, und die gefrustete Elisabeth konfrontiert ihren wenig einfühlsamen Gatten mit dessen ehelichem Unvermögen. Als auch noch ein pikantes Detail über Vincents und Elisabeths Mutter ans Tageslicht kommt, ist die Katastrophe perfekt.

Mit „Der Vorname“ gelang den Franzosen Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patalliére im Jahr 2010 ein äußerst erfolgreiches Drehbuchdebüt, das Regisseur Max Claessen in Göttingen nun gekonnt umsetzt: Das verzweifelte Bemühen und schließliche Scheitern der Protagonisten, im Angesicht des sozialen Chaos die Fassung zu bewahren, ist urkomisch.

Der Höhepunkt der Abstrusität ist erreicht, als der tödlich gekränkte Pierre dem stets süffisant grinsenden Vincent vorwirft, er habe ihm in seiner Kindheit den Ruhm für einen von ihm begangenen Mord gestohlen. Nach und nach kommt den Anwesenden jegliche Rationalität abhanden, und der Zuschauer wird dabei bestens unterhalten.

Lediglich die etwas zu abrupte Auflösung des Dramas stellt einen kleinen Wermutstropfen in der ansonsten stimmigen Inszenierung dar. Am Ende begeisterter Applaus.

Wieder am 4., 6. und 8.12., Karten: Tel. 0551 / 49 50 15.

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