Spitzen-Pianist François-Frédéric Guy spielte im Kasseler Sinfoniekonzert

Glänzte beim Sinfoniekonzert des Staatsorchesters: Solist Francois-Frederic Guy am Klavier.

Mit beiläufiger Noblesse: Der hervorragende Solist François-Frédéric Guy spielte im Kasseler Sinfoniekonzert Beethovens c-Moll-Klavierkonzert. Anja Bihlmaier dirigierte zum ersten Mal.

Oft wird neuer Musik vorgeworfen, sie sei verkopft, es mangele ihr an Emotion. Von György Ligetis 1967 entstandenem Orchesterstück „Lontano“ (etwa: aus der Ferne) kann man das nicht behaupten. Was sich zunächst wie ein Wechsel von Klangflächen anhört, wird zu einem dichten, schillernden Geflecht von Instrumentalfarben, die sich kanonisch in bis zu 23-stimmig auffächern und so eine starke Spannung erzeugen.

Ein Ausrufezeichen, das Anja Bihlmaier, die neue Erste Kapellmeistern des Kasseler Staatstheaters, mit diesem gut ausgehörten Stück zu Beginn ihres ersten Sinfoniekonzerts setzte.

Es folgte ein weiteres starkes Stück in der ausverkauften Stadthalle: Beethovens c-Moll-Klavierkonzert, sein drittes, mit dem der Komponist 1803 neue Wege beschritt. Wie außergewöhnlich diese Wege sind, machte der hervorragende Solist des Abends, der französische Pianist François-Frédéric Guy, deutlich.

Nach der recht trockenen, von scharfen Akzenten durchzogenen Orchestereinleitung des ersten Satzes ließ er die Themen förmlich aufblühen, gestaltete ohne Tempohektik, aber mit agogischer Freiheit und ließ in der ausgedehnten Originalkadenz Beethovens spüren, warum diese den Zeitgenossen so modern erschien: Eine solche klangliche Freiheit (inklusive Pedaleinsatz), technische Brillanz und vorwärtsdrängende Energie war man nicht gewohnt.

Der zweiten Satz mit seinem hintergründig-verhangenen Thema wurde bei Guy zum romantischen Gesang, und im Finale spielte er das prägnante Thema, das allzu oft totgeritten wird, mit fast beiläufiger Noblesse. Bihlmaier überließ dem Solisten die Führung, setzte aber gleichwohl auch das Orchester kraftvoll in Szene. Der bejubelte Solist bedankte sich mit dem elegant hingeworfenen Finale der „Pathetique“.

Äußerst straff ging Bihlmaier das dritte Programm-Schwergewicht des Abends an, Brahms’ Dritte. Fast schien das Hauptthema im Paukenwirbel unterzugehen, so kraftvoll stürzten sich Dirigentin und Orchester in die komplexeste aller Brahms-Sinfonien. Nur einmal, in der Durchführung, gab es eine kurze Beruhigung, aber fast schon Überspannung beim massiven Coda-Einsatz.

Reizvolle Wechsel von Bläser- und Streicherfarben bestimmten den zweiten Satz, während Bihlmaier der Melancholie des „Poco Allegretto“ nicht allzu sehr nachgab. Im dichten Finale überwogen zunächst die schroffen Töne, umso mehr kamen dann aber die resignativen Züge des verhaltenen Schlusses zum Tragen. Starker Beifall für die Dirigentin und das gut disponierte Staatsorchester, das dieses Konzert der mit 28 Jahren überraschend verstorbenen Harfen-Praktikantin Wiebke Lichtwark widmete.

Von Werner Fritsch

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