Auftritt vor 6000 Fans

Wie im Märchen: Die Sportfreunde Stiller im Schlosspark Wilhelmsthal

Calden. Kann das gut gehen: Ein Konzertabend ohne den größten Hit einer Band? Klar, wenn man wie die Sportfreunde Stiller viel mehr zu bieten hat als die WM-Hymne „‘54, ‘74, ‘90, 2006“. Am Freitag rockte das Münchner Trio vor 6000 Fans im Schlosspark Wilhelmsthal.

Manchmal könnte man sich Florian Weber gut vorstellen als Hausherr im Schloss Wilhelmsthal. Als der Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller am Freitag mit seiner Band im Caldener Schlosspark auftritt, zeigt er auf das beeindruckende Rokokogebäude und scherzt: „Da drüben steht mein Wochenendhäuschen. Ich habe die Jalousien heruntergelassen. Man weiß ja nicht, welche Flegel sich heute hier rumtreiben.“

Weber muss sich oft wie ein Märchenprinz gefühlt haben in seiner Karriere. Seit der Gründung vor 18 Jahren ist aus dem Münchner Schrammel-Indierock-Trio eine der erfolgreichsten deutschen Stadionbands geworden. Vor 14 Jahren spielten die Sporties noch vor gerade einmal 100 Zuschauern im Kasseler Club Spot, dann wurden sie 2006 mit ihrem WM-Hit „‘54, ‘74, ‘90, 2006“ Teil des Fußball-Sommermärchens, und nun verbringen sie mit 6000 Fans einen tollen Abend im idyllischen Schlosspark. Die Karriere von Weber, Sänger und Gitarrist Peter Brugger sowie Bassist Rüdiger Linhof klingt wie ein Märchen.

In Calden liefern die drei Jugendfreunde, die nun alle 40 oder älter sind, nach den Vorbands Deine Freunde und Go Go Berlin eine professionelle Show, die keine Wünsche offenlässt: Die melodischen Pop-Hymnen ihres aktuellen Albums können selbst die Kinder mitsingen, die von vielen Eltern mitgebracht wurden. Als die Sonne untergegangen ist, gibt es einen Konfettiregen aus Sternen, Blumen und Schmetterlingen wie aus dem Poesiealbum. Und „New York, Rio, Rosenheim“ widmen sie dem aus der Nähe der oberbayerischen Kreisstadt stammenden WM-Helden Bastian Schweinsteiger, „weil er sich für uns so dermaßen hat kaputt machen lassen“, wie Brugger sagt.

Aus der Setlist und den Reaktionen darauf kann man jedoch auch ablesen, dass nicht immer alles wie im Märchen lief und die Musiker sich auf Dauer in einem Schloss wohl niemals wohl fühlen würden. An dem Erfolg von „‘54, ‘74, ‘90, 2006“ wäre die Band beinahe zerbrochen, weil sie nur noch als die Band für das patriotische Fanmeilen-Deutschland wahrgenommen wurde, das einem ja durchaus auf die Nerven gehen kann. Als in Calden mehrere Männerchöre im Publikum das Gaucho-Lied anstimmen, mit dem die Nationalspieler ihren WM-Triumph in Berlin feierten, gesteht Brugger, dass er das gar nicht so übermäßig toll findet, weil ihm die Argentinier leid getan hätten. Daraufhin gibt es allen Ernstes vereinzelte Buhrufe.

Fotos vom Konzert

Sportfreunde Stiller im Schlosspark Wilhelmsthal

Bei allen Liedern, die vor 2006 entstanden sind, bleibt es merklich ruhiger als bei den neueren Songs. Und ihren WM-Hit spielen die Sportfreunde nur kurz als Melodie auf der Drehorgel an. Es spricht für die Qualität der Band, dass der Abend auch ohne „‘54, ‘74, ‘90, 2006“ wunderbar bleibt. Oder kann man sich ein Konzert der Rolling Stones ohne „(I Can’t Get No) Satisfaction“ vorstellen?

Nach 100 Minuten inklusive einer Cover-Version von „Mrs. Robinson“ als Fast-Break-Hymne im Stil der Lemonheads erklären die sympathischen Musiker in „1. Wahl“ selbstironisch ihren Erfolg: „Jetzt zum allerletzten Mal, wir waren nie die erste Wahl, nur durch Tricks und Gaunerei sind wir vorne mit dabei.“ Sie könnten nicht singen und hätten auch keine Instrumente gelernt, heißt es in dem Lied. Mag sein, aber niemand kann das besser als die Sporties.

Von Matthias Lohr

Rubriklistenbild: © HNA/Fischer

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