Münchner Rock-Trio ist auch nach 20 Jahren so gut wie eh und je

Sportfreunde Stiller: Party mit BH im Fanta-Rausch

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Sänger Peter Brugger in der vollen Stadthalle.

Die Sportfreunde Stiller haben es von einer Indie-Band zur Stadionkappelle gebracht. Zum 20. Geburtstag macht das Münchner Trio mit seinem Gebrauchspop 2700 Fans in der Kasseler Stadthalle glücklich.

Kassel. Womöglich werden die Sportfreunde Stiller Kassel als sexiest Stadt Deutschlands in Erinnerung behalten. Beim Auftritt des Münchner Rock-Trios in der Stadthalle bekam Sänger Peter Brugger erst zwei XXL-Männerunterhosen auf die Bühne geworfen und dann auch noch einen Frauen-BH. 

Bislang waren die Sporties keine Band, für die sich Männer oder Frauen aus Ekstase ausgezogen hätten. Sie waren eher wie Kumpel, die einen mit ihrem schrammeligen Indie-Pop und Gebrauchstexten für sämtliche Gefühlslagen zuverlässig durchs Leben begleiteten. 

Vor 16 Jahren war man mit 100 anderen Fans im Kasseler Spot dabei, als Bassist Rüdiger Linhof aus gefühlten drei Metern Höhe auf die Bühne sprang. Nun sitzt man mit den eigenen Kindern auf der Empore der mit 2700 Besuchern vollen Stadthalle und wird vom Sportfreunde-Manager Marc Liebscher im persönlichen Gespräch fürsorgend darauf hingewiesen, dass es noch Plätze gibt, auf denen es für die Kleinen nicht zu laut ist. Kann man sich dies bei einer anderen deutschen Erfolgsband vorstellen? Eher nicht. 

Die Sporties, mittlerweile selbst allesamt Väter, sind eine große Familie. Nach der Londoner Vorband Oscar starten sie mit ihrem aktuellen Hit "Raus in den Rausch", in dem es nicht etwa um Drogen geht, sondern um das Leben an sich, das high machen kann. Das passt. Die Band ist so etwas wie die Fanta-Limo der deutschen Rockszene. Ihre Musik schmeckt süß und fast immer lecker, hält aber auch nicht für alle Ewigkeiten an. 

Im Interview hatte uns Schlagzeuger Flo Weber vorab gestanden, dass er gar nicht weiß, für was die Band stehe, die mal Indie war und durch ihren WM-Hit 2006 der totale Mainstream wurde, woran sie fast zerbrochen wäre: "Ich will gar nicht für irgendwas stehen - außer für ehrliche Musik, die respektvoll mit der Gesellschaft umgeht." 

Genau das machen die Bayern in Kassel zwei Stunden lang, so dass alte und junge Fans am Ende von einem tollen Abend sprechen. Der flotte Indierock ("Ein Kompliment") kommt genauso gut an wie die pathetischen Streicherhymnen ("Wunder fragen nicht") im Konfettiregen, die an Coldplay erinnern, und ein politisches Stück wie "Zwischen den Welten", das vor "Abschottung und Angstschürerei" warnt, wie Brugger sagt. 

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die drei Jugendfreunde, die längst alle über 40 sind, ein eigenes Genre etabliert. Aus dem Sporties-Sound kann man US-Indierock wie von Nada Surf ebenso heraushören wie Udo-Jürgens-Melodien, deutschsprachigen Rap und manchmal leider auch santianoartige Banalität. 

Das alles ist so überzeugend, dass die Fans nicht einmal den ohnehin überschätzten Fußball-Stampfer "'54, '74, '90, 2006" vermissen, auf den die Band verzichtet, weil sie ihn offensichtlich selbst nicht mehr richtig mag. Dafür erklärt sie im Zugabenblock selbstironisch ihre Erfolgsgeschichte: "Jetzt zum allerletzten Mal, wir waren nie die allererste Wahl, nur durch Tricks und Gaunerei sind wir vorne mit dabei." 

Und das hoffentlich noch lang. Am Merchandising-Stand gibt es zwar keine BHs, aber Shirts mit dem Aufdruck: "Sportfreunde will never die." Schön, dass nicht nur abgehobene Pop-Stars, sondern auch ganz normale Musiker unsterblich sein können.

Sportfreunde Stiller in der Kasseler Stadthalle

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