Kommentar: Künstler und Werk müssen getrennt werden

Sex und Gewalt: Darum ist es falsch, dass Spotify R. Kelly bestraft

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Galt 2010 als der erfolgreichste R&B-Interpret der letzten 25 Jahre: Der US-Musiker R. Kelly.

Weil R. Kelly Frauen missbraucht haben soll, hat Spotify den US-Sänger aus Playlisten verbannt. Eine falsche Entscheidung des Streamingdienstes, denn Kellys Lieder sind nicht böse. 

Bislang war Spotify froh, die erfolgreichsten Musiker der Welt in seinem Katalog zu haben. Nun aber streicht der Streamingdienst die Songs "des größten Musikgenies der letzten 20 Jahre" aus seinen Playlisten. Als solches wurde der US-Sänger R. Kelly vom Magazin "Vibe" gefeiert. In vielen europäischen Ländern zelebrieren seine Fans den „International R. Kelly Day“. Seine Hits wie "I Believe I Can Fly" laufen im Radio hoch und runter. Bei Spotify werden sie nun aber nicht mehr den Hörern vorgeschlagen. Auch aus sämtlichen Playlisten haben die Schweden die Musik des 51-Jährigen verbannt.

Denn privat ist das Genie ein gelinde gesagt schwieriger Zeitgenosse. Seit Jahren wird ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen. Unter anderem soll er mehrere Frauen in einer Art Sekte in Abhängigkeit gehalten haben. Eine weitere Frau wurde von Kelly angeblich mit einer Geschlechtskrankheit infiziert. Das sind schwere Vorwürfe. Aber reichen sie aus, das Gesamtwerk eines Künstlers zu bestrafen?

Schon wird Spotify kritisiert, R. Kelly zensiert zu haben, was nicht stimmt, denn das Unternehmen hat die Lieder nur aus den Playlisten und seinen Algorithmus-Vorschlägen gestrichen, nicht aber aus seinem Katalog. Wer "besonders schädliche oder hasserfüllte" Taten verübe, die nicht "unsere Werte spiegeln", müsse mit so einer Entscheidung rechnen, heißt es.

Der Inhalt dieses Videos stammt nicht von HNA.de.

Die Frage ist, wer nun ähnliche Konsequenzen zu befürchten hat. Wahrscheinlich die halbe Welt aus Kultur, Unterhaltung und Geisteswissenschaften. Wird Netflix seinen Abonnenten nicht mehr die Politserie "House of Cards" empfehlen, weil Hauptdarsteller Kevin Spacey Männer sexuell bedrängt haben soll? Streichen Theater Werke von Bertolt Brecht aus dem Programm, weil der Frauen auch schlecht behandelt hat? Dürfen Lehrer ihren Schülern noch Friedrich Schiller ans Herz legen, nachdem was er Christiane Vulpius angetan hat? Und was ist mit der Kapitalismuskritik, die Karl Marx, ein privat sehr jähzorniger Mensch, miterfunden hat? Und dürfen wir noch die Lieder des Protestantismus singen, den der Antisemit Martin Luther begründet hat?

Nazi-Bands bei Spotify?

Es ist richtig, dass die Öffentlichkeit sensibel auf private Verfehlungen und Gewalt reagiert. Es ist jedoch der falsche Weg, das Werk eines Künstlers oder Autoren dafür in Haftung zu nehmen. Ein Mensch kann ein Genie wie R. Kelly sein und zugleich auch ein Monster. Beides muss trotzdem getrennt werden.

Manchmal benutzt Kelly Frauen zu ungewöhnlichen Dingen.

Die Mitarbeiter des US-Musikers werfen Spotify "falsche Anschuldigungen" vor, die das Unternehmen zu seinem ungewöhnlichen Schritt verleitet habe. Andere Künstler, gegen die ähnliche Vorwürfe laut wurden, würden nicht bestraft. Es ist in der Tat, nicht von der Hand zu weisen, dass Spotify bisweilen mit zweierlei Maß misst. Vor allem, wenn es nicht um das Privatleben von Musikern geht, sondern um deren Inhalte. 

Wer beispielsweise gern Rammstein hört, dem wird auch schon mal eine Nazi-Band vorgeschlagen. Die rechtsextremistische Blackmetal-Band Leichenzug aus Sachsen, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, kann man beim Streamingdienst ebenso entdecken wie den Liedermacher Sacha Korn, dessen Lieder die NPD per CD auf Schulhöfen an Kinder verteilen ließ. In ihren Liedern verbreiten sie Hass. Steht das im Einklang mit den Werten von Spotify?

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