Kurator Friedrich W. Block über die aktuelle Ausstellung zu Poesie und Medienwelten im Kunsttempel

„Sprache ist vielfältiger denn je“

Kassel. Heute, 20 Uhr, eröffnet im Kunsttempel, Friedrich-Ebert-Straße 177, eine Ausstellung zur Medienwelt der Sprache: „233° Celsius - eine andere Bibliothek“. Der Titel bezieht sich auf die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt - nach dem Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury. Kurator ist Dr. Friedrich W. Block.

Herr Block, warum wollen Sie Bücher brennen lassen?

Friedrich W. Block: Das will ich doch gar nicht. Das ist ein Ausstellungstitel mit Augenzwinkern. Ausgangspunkt ist der Science-Fiction-Roman „Fahrenheit 451“, in dem Buchbesitz verboten ist und Bücher durch andere Medien ersetzt werden. Seit 25 Jahren wird vom Tod des Buches gesprochen, werden die Totengesänge angestimmt. Tatsächlich sind neue Medien dazugekommen, Computertechnologie, Hörbücher, doch das Buch bleibt unglaublich populär. Es funktioniert allerdings anders.

Was ist denn Computerpoesie, wie sie zu sehen sein wird?

Block: Sprachkunst, die mit den Mitteln des Computers arbeitet, die sich künstlerisch auf neue technologische Möglichkeiten einstellt. Wir zeigen zwei Beispiele: eine Textmaschine, die selbst dichtet, den Poesiegenerator von Jean-Pierre Balpe. Da ist das Programmieren schon Poesie. Das andere ist eine Installation von Amaranth Borsuk und Brad Bouse aus Cambridge, USA, an der Schwelle von Buchseite und Bildschirm: ein gedrucktes Künstlerbuch, mit dessen Abbildungen und Figuren man über eine Webcam ein virtuelles Buch im Internet steuert.

Das heißt, die Besucher können etwas ausprobieren?

Block: Das müssen sie, an jeder Station. Man kann lesen, hören, sehen und Poesie und Sprache mit allen Sinnen erfahren.

Wie geht es der Sprache generell?

Block: Sie ist vielfältiger denn je. Es gibt keine Degeneration. Aber es gibt Veränderungen, Inhalte wandern aus. Die Vorstellung, dass ein Gedicht gedruckt in ein Buch gehört, wandelt sich zugunsten einer performativen Form - im Internet, im Film und beim Poetry Slam auf der Bühne.

Worauf freuen Sie sich bei der Ausstellung am meisten?

Block: Wie meist im Kunsttempel auf das Experiment als solches. Die Ausstellungen haben eine Art Modellcharakter. Wir erkunden mit dem Publikum, ob ein Konzept funktioniert. Oft entwickeln sich daraus anderswo zehn- bis 100-fach größere Ausstellungen.

Sie stellen auch eine 400 Bände umfassende Schüttelreim-Sammlung vor. Haben Sie einen Lieblings-Schüttelreim?

Block: „Wollt Ihr’s, Dichter, mit der Klarheit wagen? / Lasst den Schüttler euch die Wahrheit klagen.“

Von Mark-Christian von Busse

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