Uraufführung der Komposition „Prosopopeia“ von Lucia Ronchetti gefeiert

Wer spricht aus dem Jenseits?

Geballte Stimmkraft: Das Vocalensemble Kassel und sieben Solisten (vordere Reihe). Foto: Malmus

Kassel. Wie zur Zeit von Heinrich Schütz im 17. Jahrhundert befindet sich Europa in einer Phase der Selbstvergewisserung. Gern wird auf die christlichen Wurzeln unserer Kultur verwiesen, und doch ist offenkundig, dass diese Zuschreibung nicht ausreicht.

Obwohl „Europa“ nicht ihr Thema war, hat die italienische Komponistin Lucia Ronchetti (47) mit ihren Werk „Prosopopeia“ (Personifikation) einen spannenden Beitrag dazu geleistet, was europäische (Musik-)Kultur ausmacht.

Ausgangspunkt und -material für das Auftragswerk, das bei den Kasseler Musiktagen in der Martinskirche uraufgeführt wurde, sind die „Musikalischen Exequien“ von Heinrich Schütz, eine Begräbnismusik von 1635 für den Grafen Heinrich Posthumus Reuß.

Ronchetti setzt sich nicht nur mit der Musik von Heinrich Schütz auseinander, deren vokalen Anteil sie zu großen Teilen übernimmt. Ihr Interesse gilt auch nicht allein der Frage, wie wir zur Glaubensgewissheit von Schütz und einem Auftraggeber stehen: „Er wird mich hernach aus der Erden auferwecken, und werde darnach mit dieser meiner Haut umgeben werden, und werde in meinem Fleisch Gott sehen.“

Vielmehr faszinierte Ronchetti an den „Exequien“ die Inszenierung der Musik, die beim Begräbnis Reußens den Verstorbenen durch einen Chor aus der Krypta quasi als physisch anwesend erscheinen ließ. Hierfür nutzte Schütz die in Italien erworbenen Kenntnisse der Mehrchörigkeit und der Disposition von Musik im Raum. Philosophisch interessant erscheint der Gedanke, dass das göttliche Wort nicht abstrakt, sondern von einem Subjekt verkündet wird.

Personifikation, die Erhöhung des Individuums, ist ebenso eine europäische Errungenschaft wie die christliche Religion. Ronchetti beglaubigt dies durch hinzugefügte Texte europäischer Denker jener Zeit wie John Donne, Torquato Tasso und Francisco de Quevedo.

In ihrem einstündigen Werk nutzt auch Ronchetti den Raum szenisch. Am Ende wird Schütz selbst von einer Bassstimme verkörpert und von einer Posaune begleitet, und ein Tubist wird als Rezitator zur „Inkarnation“ des Grafen. Eine logische und doch auch überraschende Wendung.

Ronchetti beschwört mit „Prosopopeia“ nicht zuletzt die Integrität des musikalischen Kunstwerks. Die Instrumente (Streichquartett, Bass, fünf Bläser und Perkussion) geben verstörende, auch verstärkende Kommentare zum vokalen Geschehen ab, in das die Stimmen der Dichter in freier, teils gesprochener Form eingreifen.

All dies führte Eckhard Manz zu einer bravourös gestalteten Aufführung zusammen, die mit langen Ovationen der 400 Zuhörer für die Komponistin und die Musiker endete.

Von Werner Fritsch

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