Absolventen und Meisterschüler der Kasseler Kunsthochschule stellen in der documenta-Halle aus

Wie ein Sprung ohne Netz

Selbstgespräche: Jan Bode in einem Kabinett in der documenta-Halle mit seiner Videoarbeit. Fotos:  Koch

Kassel. Als Christian Philipp Müller, designierter Rektor der Kunsthochschule, erfuhr, dass die Kasseler Absolventen seit vier Jahren in der documenta-Halle ausstellen, war er bass erstaunt. Und ein bisschen auch entsetzt. Eine Examensschau in Räumen, in denen - wie der Schweizer sagt - das „Olympia“ der Kunst stattfindet? „Wahnsinnig spannend“ findet er das. Und „wahnsinnig mutig“.

Doch die Idee gefällt Müller. Weil der Abschluss an der Hochschule bedeutet, ohne Netz ins Leere zu springen, keinen doppelten Boden zu haben, und man sich fortan auf dem Kunstmarkt behaupten muss: „Einer der Maßstäbe ist da die documenta.“ Und weil dieser Auftritt Selbstbewusstsein zeigt. Genau das will Müller erreichen: den Stolz, in Kassel studiert zu haben.

Dass die von den 35 frisch Graduierten eigenständig organisierte Schau „Examen11“ eine „seriöse Ausstellung“ ist, wie Müller unterstreicht, macht der Rundgang deutlich. Er zeigt, wie eng verzahnt die Studiengänge Bildende Kunst, Visuelle Kommunikation, Produktdesign und Kunstpädagogik sind, wie vielschichtig ausgebildet wird. Zu sehen sind - unter kuratorischer Assistenz von Martina Fischer - Malerei, Illustration, Grafik, Skulptur, Fotografie, Film, Video- und Medieninstallationen ebenso wie Diplompräsentationen aus verschiedenen Bereichen des Produktdesigns.

Da gibt es eine Heiligenlegende als Comic-Strip und großformatige Architekturfotografie, die an abstrakte Malerei erinnert, ein riesiges Mobile mit lauter in Plexiglas eingefassten Zeichnungen, einen überdimensional-verfälschten Dollarschein und Lampen-Unikate, die bei der Möbelmesse Mailand für Furore sorgten und bald in Serie gehen sollen. „Die Kunsthochschule ist ein Ort der Experimente, hier zeigen wir Resultate“, sagt der kommissarische Rektor.

Manchmal sind sie aber auch verborgen, der Fantasie überlassen wie bei Theresa Rieß, die aus Holz und Metall eine nicht betretbare Kugel mit drei Metern Durchmesser gebaut hat. Die Außenseite ist gewissermaßen die Leinwand, ihre „28,3 m² Malerei“, so der Titel, bilden die Innenseite. Tao Xia hat die chinesischen Schriftzeichen für „innen“ und „außen“ aus Pappe gebaut und auf beide Seiten eines Fensters geklebt - gewissermaßen seitenverkehrt: Innen ist außen und außen innen. Eine Verschiebung des Blicks, neue Perspektiven: Mehtap Baydu thematisiert mit einem Koffer aus Brot das Schicksal der „Gastarbeiter“, die zum Broterwerb nach Deutschland kamen.

Was von fern wie Partituren aussieht, sind zwei benutzte Mottenfallen, die Harm-Heye Kaniniski hinter Glas gehängt hat. Zitat der Kunstgeschichte - im Barock malte man Insekten auf Blumen-Stillleben so, als säßen sie auf der Leinwand - und Sinnbild für das Spannungsfeld von Liebe und Tod. Betört von einem Sexuallockstoff, fanden die Motten wegen ihres Begehrens ihr Ende.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.