Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt die schwedische „Pionierin der Abstraktion“ Hilma af Klint

Auf der Spur des Mystischen

Werke von Hilma af Klint: „Die zehn Größten, Nr. 2, Kindheit

Berlin. Als einst die „Amazonen der Avantgarde“ ins Deutsche Guggenheim einzogen, staunte man nicht schlecht. Neben Kasimir Malewitsch, dessen Anti-Bild „Das Schwarze Quadrat“ zur Ikone der modernen Kunst wurde, hatte es eine Reihe russischer Malerinnen gegeben, die dem Realismus abschworen. Sie schwenkten radikal die Fahne der Abstraktion und lösten die Welt in Farbflächen und Splitterformen auf.

Nun kommt eine neue Pionierin zu Besuch, die keiner kennt. Eine Anhängerin des Übersinnlichen aus Schweden: Hilma af Klint. Sie suchte jenseits des Sichtbaren eine andere Wirklichkeit und gründete Ende des 19. Jahrhunderts eine spiritistische Gruppe, hielt Séancen ab. Man kennt diese runden Tische, an denen bibbernde Gestalten mit höheren Mächten kommunizieren.

Auch mit Rudolf Steiner war die esoterische Botschafterin des Metaphysischen bekannt. Sie schloss sich seiner Anthroposophischen Gesellschaft an, reiste nach Dornach, lebte an Steiners Goetheanum. Da war sie bereits 60 Jahre alt und Vertreterin einer moderaten Abstraktion - aus dem Jugendstil kommend, dekorativ, visionär.

Bereits vor Wassily Kandinsky arbeitete die 1862 geborene Tochter aus wohlhabendem Hause weitgehend abstrakt. Die reine Abstraktion blieb ihr aber fremd. Wie die Werktitel andeuten, scheint es, als wollte sie mehr vermitteln. Im Hamburger Bahnhof in Berlin, wo die Schau aus Stockholm gastiert, bildet ein kurzer Dialog mit Joseph Beuys den Auftakt. Auch er schätzte Steiner. Gezeigt werden Zeichnungen aus seinem ‚Secret Block“.

Im Moment, so die Kuratorin Gabriele Knapstein, sei „ein verstärktes Forschungsinteresse an den okkulten Quellen der Moderne zu verzeichnen.“ Das Bild der frühen Moderne wird komplexer. Das beweist auch diese Ausstellung, die 200 Gemälde und Zeichnungen vorstellt. Zu sehen sind Schneckenformen, Kringel, Blumen, Schwäne, aus denen die Schwedin Kreise entwickelt, Quadrate und Pyramiden. Dies alles oft in Serien. Sie tragen Titel wie „Evolution“ oder „Parsifal“. Ihre mystischen Abstraktionen stellte sie zu Lebzeiten nie aus. Sie hatte Angst, missverstanden zu werden.

In ihrem Atelier widmete sie sich zunächst der Landschafts- und Porträtmalerei, führte - figurative - Aufträge aus. Nach akribisch naturgetreuen Darstellungen folgte die Künstlerin ihrer inneren Stimme. Die forderte sie auf, eine neue Lebensanschauung zu verkünden. So vollzog sie um 1906 die äußere Wende und begann mit der Serie „Urchaos“. Nun formte sie Spiralen, Wellen und Linien. Da runden sich kosmische Kreise zum „Standpunkt Buddhas auf der Erde“ oder mit Pyramide zum „Altarbild Nr. 1“.

Man muss kein Liebhaber des Okkulten oder spezieller Farbenkenner sein, um ihre Bilder zu mögen. Sie wirken esoterisch angehaucht, floral beflügelt. Noch bis in die 80er-Jahre ruhten sie unentdeckt bei ihrem Neffen. Dies erklärt, warum die 1944 verstorbene Malerin keinen Namen in der Kunstwelt hat. Die Diskussion über ihr eigenwilliges Werk kann beginnen.

Bis 6. Oktober, Invalidenstr. 50-51, www.hamburgerbahnhof.de

Von Andrea Hilgenstock

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.