Premiere im Kasseler Opernhaus

Kasseler Opernpremiere: Bach-Kantaten als Welttheater

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Menschliche Existenz pur: Solistinnen und Mitglieder des Opernchores geben sich Bachs Musik hin. 

Sechs geistliche Kantaten von Johann Sebastian Bach werden am Kasseler Staatstheater unter dem Titel "Anfang und Ende - B.A.C.H." szenisch dargeboten. Das ist auch musikalisch überzeugend. 

Mit Nebensächlichkeiten geben sich die geistlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs nicht ab. Hier geht’s ums Ganze. Daran ließ die szenische Aufführung von sechs ausgewählten Kantaten unter dem Titel „Anfang und Ende – B.A.C.H.“ am Samstag im Kasseler Opernhaus keinen Zweifel.

Mit einer flotten Sinfonia, die Bach seinem ersten Brandenburgischen Konzert entnommen hat, beginnt die Kantate BWV 52 und mit ihr der Premierenabend im nicht ganz ausverkauften Haus. Einer, dann immer mehr Menschen bevölkern die Bühne, sie scheinen verunsichert. Kann man mehr als nackt sein? Diese Menschen sind es, ihre von Sarah Julia Rolke gestalteten Kostüme machen sie durchsichtig, zeigen Herz und Blutgefäße sowie ihre – willkürlich verteilten? – Geschlechtsmerkmale.

„Falsche Welt, dir trau ich nicht“ heißt die Kantate – und im Eingangsrezitativ folgt der Satz: „Hier muss ich unter Skorpionen und unter falschen Schlangen wohnen.“ Böse irdische Welt gegen die von Liebe erfüllte göttliche Welt – dieser Dualismus wird hier ausgetragen. Handfest. Zur Arie „Ich halt es mit dem lieben Gott“ meuchelt die Sopranistin Elizabeth Bailey gleich mal ihre Mitmenschen.

Die Auswahl der sechs Kantaten (nicht alle erklingen vollständig) von Regisseurin Aniara Amos (auch Bühne) und dem musikalischen Leiter Jörg Halubek überzeugt vollständig – musikalisch und von der Dramaturgie, die dem Prinzip „Vom Dunkel ins Licht“ folgt. Fortwährend ist im Bühnenhintergrund ein riesiger Wasserfall zu sehen (der sich auch mal blutrot verfärbt). Das Leben ist hier kein langer, ruhiger Fluss, die stürzenden Wassermassen versinnbildlichen heftige Erschütterungen.

Und die kommen auch aus der Musik. Was müssen das für Gottesdienste gewesen sein in Leipzig, als Bach diese Kantaten aufführte? Jörg Halubek, die fünf Solisten Elizabeth Bailey und Karola Sophia Schmid (Sopran), Marta Herman (Alt), Younggi Moses Do (Tenor), Daniel Holzhauser (Bass) und der sehr agile Opernchor legen mit Inbrunst die Dramatik der Bach’schen Arien, Rezitative und Chorsätze offen, die keiner Opernmusik nachsteht.

Choristen und Solisten agieren allesamt individuell, es sind Menschen und keine Marionetten, die Aniara Amos in choreografisch vielfältiger Weise die elementaren, auch prekären Bedingungen der menschlichen Existenz ausagieren lässt.

Man ahnt, weshalb diese Inszenierung so gut in eine Zeit passt, in der negative Zukunftserwartungen weithin das Bewusstsein zu bestimmen scheinen. „Gute Nacht, du Weltgetümmel“, singt etwa Bass Daniel Holzhauser eindrucksvoll als Abgesang aufs irdische Leben in der zentralen Kantate BWV 27 „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“. Bei Bach allerdings folgt Hoffnung im herrlichen, solistisch a cappella gesungenen Schlusschoral „Welt ade! ich bin dein müde“ mit dem Satz „Ich will nach dem Himmel zu. Da wird sein rechter Friede“.

Bevor der aber mit jubelnden Trompetenklängen in der Schlusskantate „Erschallet ihr Lieder, erklinget ihr Saiten“ (BWV 172) gefeiert wird, kommt das Verhängnis über die Welt, ein Krieg aller gegen alle zu Blitz und Donner und dem grandiosen Orgelkonzertsatz, der die Kantate „Wir müssen durch viel Trübsal“ (BWV 146) eröffnet. Jörg Halubek erweist sich dabei als brillanter Solist.

Welch ein herausragender Gestalter alter Musik Halubek ist, zeigt er auch im Umgang mit dem (hier klein besetzten) Staatsorchester, das er zu einer intensiven, fein artikulierten und federnden Spielweise animiert (Sonderlob für die Trompeten!).

Großer Beifall und Bravos.

Info: Es erklingt Musik der Kantaten BWV 52, BWV 26, BWV 27, BWV 146, BWV 187 und BWV 172.

Wieder am 30.1., 2. und 8.2., Karten: 0561 / 1094-222.

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