Deutschsprachige Erstaufführung

Das Unglück des Machbarkeitswahns: Premiere von "Stories" am Kasseler Staatstheater

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Bemühen um Kommunikation: Konstantin Marsch als Danny und Caroline Dietrich als Anna.

Nina Raine erzählt in ihrem neuen Theaterstück "Stories" von einer Gesellschaft, in der es den Mythos der grenzenlosen persönlichen Selbstverwirklichung gibt. 

 „Ich brauche Sperma.“ Annas Wunsch lässt keinerlei Fragen offen. Sie hört die biologische Uhr so laut ticken, dass in ihrem Leben für nichts anderes mehr Raum ist. Was soll eine Frau Ende 30 tun, wenn der Lebensgefährte sich last minute verkrümelt? Sie will sich anderswo Baby-Hilfe beschaffen: Spermaspender gesucht. Die britische Dramatikerin Nina Raine stellt in ihrem Stück „Stories“ eine private Problematik auf die Bühne – und lässt im Gewand einer (teils sehr) leichtfüßigen Komödie dennoch immer wieder große gesellschaftliche Themen aufscheinen.

Das Kasseler Staatstheater zeigt die deutschsprachige Erstaufführung in der Regie von Maik Priebe. Zur Premiere im ausverkauften Schauspielhaus gab es am Samstagabend viel Applaus und Jubelpfiffe für die Schauspieler.

Ein Bilderbogen der Vergeblichkeit: Anna durchforstet ihren Bekanntenkreis und trifft sich mit allen Männern, die ansatzweise in Frage kommen, ihr zum Kinderglück zu verhelfen. Kurze Szenen bebildern diese Begegnungen – die Typen werden dabei sämtlich von Konstantin Marsch gespielt. Sehr variantenreich und teils kaum wiedererkennbar: herrlich witzig! 

Die Kostümabteilung leistet ganze Arbeit, ihn in einen blondsträhnigen Hipster, einen Rapper mit Backenbart und Ghettosprech, einen alternden schwulen Schriftsteller, einen übergriffigen Selfmade-Guru oder ein Jüngelchen mit Laufleggings zu verwandeln. Im Neinsagen sind sich alle einig, auch darin, es respektvoll zu tun, pseudo-empathisch, aber letztlich doch auf sich selbst fokussiert.

Caroline Dietrich setzt den sehr detailreich gearbeiteten Text ebenso fein und präzise um – innerhalb weniger Sätze kann sich Anna von der selbstsicheren Frau in eine Bittstellerin verwandeln, die sich beim Smoothie-Trinken mit einem Typen, der es sicher nicht verdient, total erniedrigt. Es ist ein Verdienst Nina Raines, ein so authentisches Porträt der Frauengeneration um die 40 ausgeformt zu haben.

Ausstatterin Susanne Maier-Staufen und Videokünstler Sven Stratmann belassen die Bühne als fast leere Spielfläche, auf einer Videoleinwand im Hintergrund wird Ambiente ergänzt, können ein Skype-Telefonat oder ein Chatverlauf eingespielt werden. Dass das auf Englisch geschieht, ist allerdings unnötig, ebenso wie die Anglifizierung der eingeblendeten Szenentitel, die Annes Alter benennen („thirty-nine“).

In zahlreichen Nebenrollen spielen ferner Lukas Umlauft, Christina Weiser, Eva-Maria Keller und Jürgen Wink, außerdem ist in den Videoeinspielern als Kind Lilly Ansorge zu erleben.

Da, wo der Abend über die hübsche Oberfläche hinausgeht, berührt er relevante Themen unserer Tage: Die Auswahl passgenauen Spermas (blond, sportlich, musikalisch) von Kauf-Webseiten führt in ethisch fragwürdige Gefilde. Was macht der Machbarkeitswahn mit uns, das Denken, dass wir unsere Leben ganz selbst gestalten können, dass wir für uns selbst „Stories“ wahr werden lassen können? Selbst bei der vielleicht schicksalhaftesten Frage, ob wir ein Kind haben oder nicht, geht die Selbstoptimierungswelt von totaler Kontrolle aus. Klappt nicht, zeigt das Stück, und: Glücklich macht das auch nicht. Es entsteht eher noch mehr Verzweiflung und Ratlosigkeit – bei Frau wie Mann.

Wieder am 23.3., 5., 6.4., Kartentelefon: 0561/1094222

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