Staatstheater: Sabrina Cesaay als "Anne Frank" gefeiert

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Sie nennt ihr Tagebuch „Kitty“: Anne Frank, auf berührende Weise gespielt von Sabrina Cesaay.

Kassel. Man könnte Stecknadeln fallen hören. Absolute Stille. Ergriffenheit ist zu spüren. Zaghaftes Klatschen setzt ein, wird stärker, dann erheben sich die ersten von den Plätzen. Bald stehen am Sonntag hundert Leute auf den Rängen des ausverkauften Theater im Fridericianum (tif), um sich vor einer großen schauspielerischen Leistung zu verneigen.

Sabrina Ceesay war für eineinhalb Stunden Anne Frank, und sie war in ihrer Wahrhaftigkeit absolut bezaubernd. Vor Erleichterung, Glück und Freude rollen der 24-Jährigen zuletzt Tränen über die Wangen. Solche Momente bietet nur das Theater, wie schön!

Das Schicksal der Anne Frank, ihrer Familie und der Mitbewohner, die sich über zwei Jahre in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den Nazis versteckten, bevor man sie kurz vor Kriegsende verriet, wurde mehrfach verfilmt und sogar als Musical inszeniert. Man hätte daraus ein Acht-Personen-Stück machen können, doch Dieter Klinge, der Leiter des Kasseler Kinder- und Jugendtheaters, hat in seiner Inszenierung das Tagebuch für die Bühne adaptiert. Kisten unterschiedlicher Größe sind im Raum verteilt, um mal Kleiderschrank, Schreibtisch, Sessel oder Sofa zu sein (Ausstattung und Kostüme: Isabell Heinke). Nichts soll vom Eigentlichen ablenken.

Im Zentrum des Geschehens steht das Mädchen Anne Frank, das seine Gedanken, Träume, Ängste, Wünsche und Hoffnungen seinem Tagebuch, das sie liebevoll „Kitty“ nennt, anvertraut. Anne Frank ist ja ein pubertierender Teenager, ein lebenslustiges Mädchen, das aus einer heilen, von den Eltern geschützten Welt jäh herausgerissen wurde, um über Jahre hinweg ein Leben in Gefangenschaft zu fristen.

„Einmal werden wir wieder Menschen und nicht nur Juden sein“, sagt sie. Sie weiß, dass sie außerhalb dieses Schutzraums nicht die geringste Chance hätte, und zugleich beklagt sie das schwierige Zusammenleben, berichtet von kleinen Scharmützeln mit den Eltern und den anderen. Manchmal lästert sie und schämt sich gleich für ihre Undankbarkeit.

In diese Zeit fällt auch die erste Liebe zu Peter, den sie anfangs nur doof findet. Sabrina Cesaay lebt diesen Text, sie verkörpert ihn. Sie ist nachdenklich, aufbrausend, dann voller Selbstzweifel und wiederum schwer verliebt, hoffnungsvoll, einsam und allein.

Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Immer wieder ertönen Sirenen von vorüberfahrenden Streifenwagen. Dann die ohrenbetäubenden Luftangriffe. Während andere sich in Keller flüchten, können die Eingeschlossenen nur hoffen, dass sie auch das überstehen.

Dieter Klinge hat eine feine Dramaturgie entwickelt, und Sabrina Cesaay gelingt es mit ihrem nuancierten und sensiblen Spiel, das Publikum gleichermaßen zu verzaubern und zu verstören. Ein großer Theaterabend.

Wieder am 30.9., 1. und 11.10. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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