„Body#whatever“ und „Reminition*Swanlake“

Tanzdoppelabend am Staatstheater Kassel begeistert mit zwei Uraufführungen internationaler Choreografen

Gummistiefel statt Ballettschuhe: „Reminition*Swanlake“ der United Cowboys am Staatstheater Kassel.
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Gummistiefel statt Ballettschuhe: „Reminition*Swanlake“ der United Cowboys am Staatstheater Kassel.

Auch am Sonntag fanden verschiedene Premieren am Staatstheater statt und eröffneten die Spielzeit - die Sparte Tanz zeigt zwei Stücke die sich mit dem „Schwanensee“ beschäftigen

Kassel – Es ist das Ballett der Ballette: Am Sonntagabend blieb von dem klassischen „Schwanensee“ aber nicht viel mehr übrig, als eine ferne Reminiszenz an den pompösen Spitzentanz der weißen Schwäne von einst. In jüngster Vergangenheit wurden vor allem in Berlin und Paris schwere Rassismusvorwürfe laut, die auf der Praxis des Whitefacing, dem weiß Schminken von dunkleren Hauttypen, beruhen. Das Stück verbieten? Nein, so die Antwort der Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brand-stetter. Das sei Cancel Culture – Verdrängung. Stattdessen die richtigen Fragen an das Stück stellen, die Devise des neuen Leitungsteams der Sparte Tanz um Tanzdirektor Thorsten Teubl am Kasseler Staatstheater.

Die beiden Ur-Aufführungen mit „Body#whatever“ von der israelischen Choreografin Roni Chadash und „Reminition*Swanlake“ von dem niederländischen Choreografenteam United Cowboys, mit Pauline Roelants und Maarten van der Put, boten einen aufwühlenden und unglaublich dichtem Tanzdoppelabend im Schauspielhaus zum Saisonauftakt.

„Body#whatever – Körper wie auch immer“ ist ganz wörtlich zu verstehen. Chadash stellt den Körper der Tänzer einerseits in seiner Einzigartigkeit, anderseits als austauschbares Gut auf die Bühne. Geschlechterneutralität und Genderklischees werden von den Tänzern beinahe spielerisch hinterfragt. In enger Umarmung vereint wechseln die acht Tänzerinnen und Tänzer alle möglichen Kombinationen durch, treffen in einem beinahe brutalen Aufprall aufeinander, der der innigen Geste der Umarmung diametral entgegensteht. Laszive Bewegungsmuster und maskulines Muskelspiel als stereotype Geschlechtsidentifikation werden in routinierte Bewegungswiederholungen überführt und infrage gestellt.

Auf der leeren Bühne mit spiegelnder Oberfläche und einem leuchtend weißen Rahmen (Sibylle Pfeiffer) steht der Körper im Fokus des Geschehens. Mit einer Soundcollage (Donato Deliano) aus Stumm- und Hitchcock-Filmen nutzt Chadash viele Slapstick-Elemente für eine dichte Inszenierung mit starken Bildern und beeindruckender tänzerischer Leistung und Präzision.

Eine Erinnerung an den „Schwanensee“ bringen die United Cowboys mit „Reminition*Swanlake“ auf die Bühne. Sind es die unschuldigen weißen Tutus der Schwäne oder ist es die herausragende tänzerische Leistung? Ist es die heimliche Lust des voyeuristischen Blicks des Publikums auf die anmutigen Körper der Schwäne? Die United Cowboys sind nicht zimperlich bei ihrer Bearbeitung des Stoffs. Humor ist oft ein gutes Mittel der Wahl, geht es um bittere Wahrheiten. So auch in dieser Inszenierung. Wallende Tutus wirbeln durcheinander, werden über die Köpfe geschlagen und verwandeln sich zu trippelnde Tüllgewänder in unkoordinierten Bewegungsabläufen. Die Ballettschuhe werden kurzerhand gegen Gummistiefel eingetauscht. Der Spitzentanz als traurige Reminiszenz von Emily Paige Anderson mit offenem Haar und ohne Tutu verkörpert. Der Choreografie des sterbenden Schwans, eine der prägendsten und bekanntesten Szenen des „Schwanensees“, nahm sich Ieva Navickaite in einer äußerst komischen verbalen Beschreibung und gleichzeitigen beeindruckenden Ausführung der Bewegungsabfolge an. Seht her! Ist es das, was ihr eigentlich sehen wollt?, war wohl die Frage, als das Publikum sich, geblendet durch Taschenlampen von der Bühne, den völlig entblößten Tänzern gegenübersah, die das Fauchen und die Bewegungen von Schwänen nachahmten.

Insgesamt beeindruckte das Stück „Reminition*Swanlake“ durch eine enge Verflechtung von Tanz, Videoinstallationen (Oscar van der Put) und der live auf der Bühne abgemischten Musik von Pauline Roelants.

Weitere Termine bis Januar, Karten 0561-1094-222 und

staatstheater-kassel.de

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