Staatstheater Kassel/Theater im Fridericianum

„Mein verwundetes Herz“ - Stück über Nationalsozialismus und die Kraft der liebenden Worte

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Inszeniert im Staatstheater Kassel: Mein verwundetes Herz (UA) nach dem gleichnamigen Buch von Martin Doerry

Im Theater im Fridericianum in Kassel feiert eine Uraufführung Premiere: „Mein verwundetes Herz“. Das Stück thematisiert den Nationalsozialismus und die Kraft der liebenden Worte.

Überbordend strömt die Liebe. Zärtliche, fürsorgliche, heftige, sehnsüchtige Liebe einer Mutter zu ihren Kindern, der Kinder zu ihrer Mutter. Die Zuschauer dürfen in diese ganz intimen Momentaufnahmen eines Familienschicksals hineinblicken und es gelingt erstaunlich leicht und schnell, diese Liebe mitzufühlen, die Zerreißprobe aus Verzweiflung und Sehnsucht mitzuempfinden. Die Mutter, die Mädchen und der Junge rücken nah.

Das ist ein großes Verdienst des bewegenden Kasseler Theaterabends „Mein verwundetes Herz“, der vom Schicksal der von den Nationalsozialisten vernichteten jüdischen Ärztin Lilli Jahn und ihrer fünf Kinder erzählt. Auch die Buchvorlage von Martin Doerry, der die Briefe seiner Großmutter Lilli Jahn aufbereitet hat, hat große Kraft. Applaus im Stehen gab es bei der Premiere der Uraufführung am Donnerstag im ausverkauften Theater im Fridericianum.

Staatstheater Kassel: Enge Verbindung zwischen Bühnenfiguren und Zuschauern

In seiner Inszenierung gelingt es Staatstheater Kassel-Intendant Thomas Bockelmann von Anfang an, eine enge Verbindung zwischen Bühnenfiguren und Zuschauern herzustellen. Mit der sozialen Ächtung eines Arztehepaares ab 1933 fängt alles an. Mit vielen Erklärtexten wird der zeithistorische Kontext gesetzt, Dokumente der Nazi-Oberen belegen, wie die Ausgrenzung vorangetrieben wurde.

Lilli offenbart in einem frühen Brief an ihren Verlobten mit großer Reflexionskraft, dass ihr bewusst ist, wie die Erwartungen des Mannes und ihre Persönlichkeit aufeinanderprallen werden. Nach fünf Kindern und dem ständigen Druck der Nazidiktatur hält Ernst nicht mehr durch, nimmt eine andere, schafft es nicht, Lilli zu schützen.

Inszeniert im Staatstheater Kassel: Mein verwundetes Herz - Sprechen Brief- und Erklärtexte: Christina Weiser (links), Jürgen Wink und Christina Thiessen.

Christina Weiser, Christina Thiessen und Jürgen Wink sprechen die (manchmal stark wertenden, mutmaßenden) Erklärtexte, Jürgen Wink übernimmt die Behördenschreiben, und alle drei machen in Briefzitaten die authentischen Stimmen der zerstörten Familie hörbar. Behrooz Karamizades Videos legen dazu auf den weißen Bühnenraum mit den drei Bänken von Ulrike Obermüller Bilder aus Breitenau und vom zerbombten Kassel.

Inszeniert im Staatstheater Kassel: Mein verwundetes Herz - Die Geschichte der Lilli Jahn

Christina Weiser zeigt ein inneres Erlöschen, als Lilli einer Freundin im Brief vom Ende ihrer Ehe berichtet, hier muss sie endlich keine Contenance mehr bewahren. 1944 wird Lilli Jahn ins Internierungslager Breitenau gebracht. Die Briefe zwischen Lilli und den auf sich allein gestellten Kindern bilden das ergreifende Herzstück des Abends. Christina Thiessen gibt den Mädchen ihre Stimme, mit Körperspannung, Temperament und Tongebung scheinen drei junge Persönlichkeiten auf.

Die 14-jährige Ilse, die sich bemüht, den Kleinen die Mutti zu ersetzen, Johanna (13), die überschwänglich von Wellensittich Hansi berichtet, und die ungestüme Eva (10), die erzählt, wie sie einmal eine Wurst geschenkt bekommt. Bruder Gerhard (15) war Flakhelfer, die kleine Dorothea gerade zwei.

Die Kinder möchten ihrem „lieben Muttchen“ vom Alltag erzählen, fragen aber einen Halbsatz später sorgenvoll nach ihr und finden zu Tränen rührende Worte für ihre Sehnsucht. Aus dem Übersprudelnden springt Christina Thiessen unvermittelt in Fürsorge und Angst. Kraftvolle Inszenierung im Staatstheater in Kassel: Auch Christina Weiser gibt Lillis Brieftexten differenzierte Gefühlstemperaturen – manchmal ist sie wütend, oft geht es um Organisatorisches oder den Wunsch nach Marmelade.

Überleben, Verzweiflung und Vermissen, aber auch Liebe und Hoffnung: All diese Gefühle zeigt das Staatstheater Kassel mit seiner Inszenierung

Wie geht das – Überlebenmüssen, die Familie fern wissen, über die Verzweiflung sprechen wollen, aber die Kleinen auch nicht verschrecken? Die Briefe sind so wuchtig in ihrer emotionalen Kraft, die Bühnendarstellung so rein und unverstellt: So kommt dieses Schicksal über die Jahrzehnte ganz nah ans Heute. Das wäre ohne die regionale Anbindung ebenso.

Noch auf dem Weg nach Auschwitz schreibt Lilli Jahn: „Gerhard-Junge, Ilsemaus, Hannelekind, Evalein und mein Dorle-Schatz. Gott behüte Euch! Wir bleiben unlöslich miteinander verbunden. Seid herzinniglich gegrüßt und geküßt von Eurer treuen Mutti.“

Wieder in Kassel 25., 31.1, 8., 14.2.,, Karten: 0561-1094-222

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