Eintauchen in die deutsche Geschichte

Auf den Spuren unterschiedlicher Epochen an der Ostseeküste

Im Wandel der Zeiten: Das Badehaus Goor in Putbus war Domizil des Adels, Betriebsferienheim und ist heute Vier-Sterne-Hotel. Foto: von Busse

Ostsee-Urlaub - da denkt man an Sandstrände, Kreidefelsen und Backsteinkirchen. Wer die Küste bereist, kann aber auch in unterschiedliche Abschnitte deutscher Geschichte eintauchen. Etwa auf Rügen, Usedom und am Stettiner Haff.

Stahlwerker im Fürstenbad

Zudar zum Beispiel. Die stille Halbinsel an der Südostspitze Rügens zeigt Relikte vieler Abschnitte der Geschichte: Hügelgräber der Bronzezeit, 3000 Jahre alt. Eine Zisterzienser-Wallfahrtskirche von 1318: Verehrt wurde ein Marienbild. Als 1372 Pilger im Strelasund ertranken, ließ die Popularität der Wallfahrt nach. Herrenhäuser, die zur Wendezeit Ruinen waren und in schicke Ferienwohnungen umgewandelt wurden. Alleen mit Kopfsteinpflaster, Betonplattenwege der DDR. Ein Kinderferienlager des Plattenwerks aus Dresden-Hellerau, verfallen, die Reetdächer eingestürzt, Graffiti überall. Rügen hatte mal 80 000 Bewohner, als die Vertriebenen aus dem Osten kamen. Jetzt sind es noch 62 000.

So wie an der Boddenseite Rügens, wo zu DDR-Zeiten die Berliner illegal campierten und heute Besucher an Badebuchten nach Donnerkeilen und Hühnergöttern Ausschau halten, vermischen sich überall an der Ostsee die Geschichtsepochen. Faszinierend ist, auf Spurensuche zu gehen.

Putbus etwa ist bekannt für seinen von Fürst Wilhelm Malte ab 1810 entwickelten klassizistischen Stadtkern, für die mit Rosenstöcken versehenen weißen Häuser um den Circus, für Theater, Park und Orangerie. 1818 ließ der Fürst im heutigen Ortsteil Lauterbach das Friedrich-Wilhelmsbad bauen. Die marmornen Wannenbäder sind ins Museum gewandert, aber die Kolonnade von 1833 steht noch. Hinter den 18 imposanten Säulen ist ein wunderbares Vier-Sterne-Hotel mit 86 Zimmern und Suiten, Wellness-Bereich und Thermalsolebad neu errichtet worden. Eine schöne Promenade führt zum Badestrand und ins Biosphärenreservat mit seinen Wanderpfaden im Wald. „Binz ist zu voll“, sagt Hoteldirektor Sven Kirchhof. „Hier passt alles schön zusammen.“ Kirchhof ist Rüganer, er bezeichnet sich als „Kind der DDR“. Gelernt hat er im Kernkraftwerk Lubmin, nach der Wende wurde er Touristiker. Weg wollte er nie. Seit 2009 leitet er das Badehaus. Die Eigentümer haben in seinem Hotel eine Wohnung.

Zu DDR-Zeiten waren statt des Hochadels Stahlwerker im Logierhaus und Salon zu Gast. Das „Haus Goor“ war Erholungsheim des Eisenhüttenkombinats EKO in Eisenhüttenstadt. Vor dem Hotel erinnert ein Gedenkstein an dunkelste Zeiten: die Ermordung von Insassen des KZ Stutthof in der Gegend, nach dessen Evakuierung im Frühjahr 1945.

Spuren unterschiedlicher Epochen: Impressionen von der Ostseeküste

Ein paar Hundert Meter weiter ist die größte Marina Rügens entstanden. Ein Yachthafen mit Rundumservice für Bootseigner, mit 56 Pfahlbauten und schwimmenden Ferienhäuschen. Der 41-jährige Till Jaich, mit seinem Bruder Geschäftsführer der Wasserferienwelten „Im Jaich“, schwärmt vom Traumrevier für Segler und dem „Hotspot für Angler“. Zander, Hering, Barsch und Hecht kann man geradezu von der Terrasse fangen. Jaich, an der Schlei aufgewachsen, auf Rügen heimisch geworden, sagt: „Die Insel hat viele Gesichter. Am allerschönsten ist es genau hier.“ Seine Familie hat Pionierarbeit geleistet – in der DDR, wo das Segeln wegen der Fluchtgefahr in Grenznähe nur sehr eingeschränkt möglich war, fehlte jegliche Infrastruktur.

Jetzt gibt es 400 Liegeplätze, 60 Arbeitsplätze – ganzjährig – hat Jaich geschaffen. Das Mini-Resort soll trotzdem einen familiären Charakter und die Gäste das Gefühl „totaler Ursprünglichkeit“ haben. Manche Paare kommen auch im grauen November, mit Pasta, Rotwein und einem Berg Büchern, schalten das Handy ab und genießen die Ruhe.

Ein Traum nicht nur für Segler und Angler: Pfahlbauten für Feriengäste nahe dem Yachthafen „Im Jaich“ in Lauterbach.

Wenn Jaich gestresst ist, segelt er abends um die Insel Vilm, oder er paddelt entlang der zerklüfteten Küste – 560 Kilometer sind es rund um Rügen – bis zum Nest Groß-Stresow. Jaichs Rügen-Geheimtipp. Und bei dieser Entfernung machen auch die drei Kinder gern mit. Um das zur Marina gehörende Restaurant „Kormoran“ fliegen die Schwalben. „Eine Schwalbe frisst 2000 Mücken am Tag“, freut sich Jaich.

Viele Tiere haben hier auf alle Fälle ein Paradies. Die Insel Vilm, schmal, aber zweieinhalb Kilometer lang, war Jahrzehnte für die Öffentlichkeit gesperrt. Heute ist sie Sitz einer Naturschutzakademie, als Außenstelle betrieben vom Bundesamt für Naturschutz. Das Motorschiff „Julchen“ bringt 30 Personen pro Führung auf die Insel, die von 1959 an allein dem DDR-Ministerrat für Urlaube zur Verfügung stand.

In diesen Häusern machten Honecker und Ulbricht Urlaub: Feriensiedlung des DDR-Ministerrats auf der Naturschutzinsel Vilm.

Gästeführer Andreas Kuhfuss berichtet bei Wanderungen auf Vilm, wie spinnefeind sich die Staatsfunktionäre waren, die keineswegs im Luxus lebten. Goldene Wasserhähne gab es nicht. Dass Walter Ulbricht gern ausbüchste, um mit Fischern zu feiern. Dass die stets zwölf Wachsoldaten irgednwann „jeden Maulwurf kannten“. 50 Beschäftigte hatten hier zu tun, in einem Gemüsegarten, einer Bäckerei, einem „Gesellschaftshaus“. Honecker mochte Vilm nicht, er war höchstens fünf Tage da, und das offiziell auch nur als Ehemann seiner Frau Margot, der Ministerin. Die gefürchtete Justizministerin Hilde Benjamin kam mit zwei jungen Männern als Sekretäre. Und eine Richtfunkstrecke ließ der Ministerrat eigens bauen, um Westfernsehen schauen zu können.

Dass der Name Vilm vom slawischen Begriff für Ulmen kommt, dass hier mal Landwirtschaft betrieben und der Wald komplett abgeholzt wurde, dass die Romantiker kamen, um auf Vilm zu malen und zu zeichnen, dass es eine Gaststätte mit Fremdenzimmern gab, ehe die Politfunktionäre die Insel kaperten, all das erzählt Kuhfuss, und dass Vilm heute für Seminare beliebt ist, weil die Teilnehmer „nicht stiften gehen können“.

Bis zu 500 Pflanzenarten gibt es auf Vilm. Kuhfuss erzählt von uralten Stieleichen, Jelängerjelieber und von Farnen, von Seeadlern, Eisvögeln, Buchfinken, vom Tagpfauenauge, Dachsen und Mardern und und und, von Schwänen (und den Protesten, als Schwanfleisch auf der Speisekarte eines Rügener Restaurants auftauchte), Schnecken und Schlangen (da sieht man auch schon eine Blindschleiche vorbeikriechen), von den Abbrüchen des Steilufers bei Sturm, von den Robben, die zurückkehren, und dem Dorsch, der infolge des Klimawandels in kältere Gefilde zieht. Und der Hering wird auch rar.

Von der höchsten Erhebung, 38 Meter hoch, geht der Blick an klaren Tagen weit über den Bodden, bis Usedom, zu den Greifswalder Kirchen, den Türmen des stillgelegten Kraftwerks Lubmin: Sogar das Atomzeitalter spielt an der Ostsee.

Gewaltige Dimension

Peenemünde - Einst Heeresversuchsanstalt.

Joachim Saathoff redet ohne Punkt und Komma. Er bringt es fertig, gleichzeitig einen alten Bus der LPG Parchim, Baujahr 1988, aber baugleich mit dem Modell von 1958, über eine Schlaglochpiste sondergleichen zu steuern, ein Tablet hochzuhalten, auf dem Filme über die Heeresversuchsanstalt Peenemünde laufen, und diese Filme auch noch zu kommentieren.

Der ehemalige Offizier eines NVA-Geschwaders ist in seinem Element. Saathoff, 62, fährt Besucher über die ansonsten gesperrten Teile des 24 Quadratkilometer großen Areals, auf dem von 1936 bis ’45 eines der weltweit modernsten Technologiezentren stand – im Dienste der Forschung, aber vor allem der Rüstung: Die „Vergeltungswaffe 2“ wurde hier getestet.

Heute gilt: Betreten verboten – außer auf den geführten Rundfahrten des Museumsvereins Peenemünde. Wegen der Munitionsbelastung, der Unfallgefahr und aus Naturschutzgründen – das Naturschutzgebiet Peenemünder Haken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ist 2000 Hektar groß.

Saathoff redet wie ein Wasserfall. Er weist im Fahren und bei Zwischenstopps auf die wenigen sichtbaren Überbleibsel hin. Was sowjetische Truppen nicht demontierten, hat sich die wild wuchernde Natur zurückerobert. Heute fühlen sich hier Damwild und Fledermäuse wohl. Villen und Gleisanlagen, Prüfstände, Treibstoffdepots, Windkanal und Rechenzentren, Wachhäuschen und die Unterkünfte der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die hier schuften mussten – ohne Erläuterung wäre man aufgeschmissen.

Saathoff erklärt, welche Schäden die Bombenangriffe 1943 angerichtet haben – auch für die Zwangsarbeiter. Dass „The Ghost Rider“ mit Perce Brosnan hier gedreht wurde. Dass ein S-Bahn-System täglich 25.000 Menschen bewegt hat. Welche Flugkörper wann vom wem mit welchem Erfolg oder Misserfolg getestet wurden: übertragen auf Fernsehkameras. Wie jung die Wissenschaftler waren, die hier arbeiteten und dass heute deren Kinder und Enkel kommen. Dass Hitler nie, aber alle anderen Nazigrößen hier waren. Nur noch wenige Zeitzeugen leben noch.

Aber selbst wenn man all den Details, den Daten und Zahlen auf die Schnelle nicht zu folgen vermag: Eindrucksvoll deutlich wird das sagenhafte Ausmaß der Versuchsanstalten der Luftwaffe, wo der Grundstein auch für alle zivilen Trägerraketen gelegt wurde. Saathoff sagt es so: „Hier ist die Welt verändert worden. Auch die Mondlandung hätte es ohne das hier nicht gegeben.“

Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Altwarp: Zu DDR-Zeiten waren die grenznahen Dörfer am Stettiner Haff, in der östlichsten Ecke Deutschlands, quasi abgeschnitten - Sperrgebiet, kein Zuzug erlaubt. Nach der Wende sorgten bis Ende der 90er Butterfahrten für regen Betrieb, bis der zollfreie Einkauf eingestellt wurde. Das 500-Einwohner-Nest Altwarp, wo die neue Grenzstation wieder leer steht, fiel in einen Dornröschenschlaf.

Wobei Friederike Güra an dieser Stelle protestieren würde: „Das Dorf erfindet sich neu. Die Vorstellung, dass hier nichts läuft, ist falsch“, sagt die 26 Jahre alte zweifache Mutter, die nach ihrer Ausbildung im Tourismus- management bewusst zurückgekommen ist: „Ich vermisse echt nichts.“ Schon gar nicht täglich eine Stunde Stau. Die Großstadt Stettin sei ja um die Ecke, Deutsche und Polen wachsen mehr und mehr zusammen. Gut verdienende Stettiner entdecken das deutsche Hinterland mit attraktiven Seegrundstücken. An Silvester fliegen die Raketen in Alt- und Neuwarp (Nowe Warpno) um die Wette. Ihre Kinder könnten hier unbeschwert aufwachsen. Usedom im Sommer? Viel zu voll.

Und: Viele zieht gerade die Ruhe her, ob Künstler aus Berlin oder Hobby-Ornithologen. Die weitläufige Natur, das Wasser, Binnendünen, Wälder. So wie Frank Joisten. Der 55-jährige Hobbyjäger, Feldwebel bei den Gebirgsjägern, hatte sich aus Mittenwald in Oberbayern extra an den Armee-Standort Eggesin versetzen lassen. In der Zeitschrift „Wild und Hund“ hatte er gelesen, welche Möglichkeiten der wilde, ferne Osten Deutschlands bietet. Als Jagdpächter des Riether Werders hat er nun die Aufgabe, diese winzige, dem Vogelschutz vorbehaltene Insel, die mal preußische Domäne und später Volkseigentum der DDR gewesen ist, mit den Lachmöwen- und Fluss-Seeschwalbenkolonien und tausenden Nestern frei von Wildschweinen und Füchsen zu halten, die durchs Haff schwimmen oder im Winter übers Eis laufen: „Sieben Wildschweine habe ich geschossen. Und Kuhhirte bin ich auch.“ Ohne die 60 Rinder würde die Insel bald zuwachsen. „Ich geh hier nicht mehr weg“, sagt Josten: „Das Leben ist schön.“

Im idyllischen Rieth – es gibt keine Plattenbauten, es wird vorsichtig saniert, die nächste Ampel ist in Eggesin – haben sich ein Dorfverein sowie ein Netzwerk aus 15 Tourismusanbietern gegründet - vom „Gesundhaus Klatschmohn“ mit Ernährungs- und Fastenkursen über einen Pferdehof mit Kutschfahrten, eine Räucherfischerei und einen Fahrradverleih bis zum „Kreativurlaub“, den Ulrike Siedl organisiert, arbeiten sie alle Hand in Hand. Um das Dorf zu beleben, um Gästen etwas zu bieten. Die 52-jährige gebürtige Essenerin lebt seit sechs Jahren in Rieth. „Zufall und Liebe auf den ersten Blick“ haben sie hergebracht. Viel weniger spießig als im Münsterland oder am Niederrhein findet sie die Menschen. „Es war nicht einfach, aber ich habe es keinen Tag bereut.“

Im Sommer steht ein Biogarten allen Urlaubsgästen offen, bezahlt wird an einer „Kasse des Vertrauens“. Nächster Plan: ein „virtueller Tante-Emma-Laden“ mit Lieferservice. Ein „multiples Haus“ soll Angebote bündeln, von der Physiotherapie über die Friseurin bis zur Fußpflege. „Wir wollen hier alt werden können“, sagt Siedl. Eine Aufgabe, vor der viele Dörfer stehen. Wie formuliert es Friederike Güra? „Jeder, der etwas macht, hat ein Alleinstellungsmerkmal. Man muss sich die Infrastruktur eben selbst schaffen.“

Unser Autor: Dr. Mark-Christian von Busse (46, geboren in Frankenberg, aufgewachsen in Obergrenzebach/Schwalm), ist seit 2006 Mitglied der HNA-Kulturredaktion. Er ist immer wieder gern an der Ostsee unterwegs. Seine jüngste Reise führte ihn bis zur polnischen Grenze - etwa am neuen Radweg Rieth-Nowe Warpno. „Wie offen diese Grenze ist, empfinde ich immer noch als ein Wunder.“

Service

Hotel Badehaus Goor: Tel. 038301/88260, www.hotel-badehaus-gooor.de

Im Jaich Wasserferienwelt Rügen: Tel. 038301/8090, www.im-jaich.de

Exkursionen zur Insel Vilm: Fahrgastreederei Lenz, Tel. 038301/61896, www.vilmexkursion.de, Anmeldung nötig, maximal 30 Personen, 3 Stunden Dauer, Fahrpreis 16, Kinder 9 Euro.

Rügen allgemein: Tel. 0 38 38/ 80 77 80, www.ruegen.de, www.auf-nach-mv.de

Joachim Saathoff empfiehlt den Besuch des Historisch-Technischen Museums im ehemaligen Kraftwerk der Heeresversuchsanstalt (Infos: www.peenemuende.de). Rundfahrten starten täglich um 11/13/15 Uhr (Winterhalbjahr 11/13 Uhr auf Anfrage) am Flugplatz: Tel. 03871/559411, peenemuende-west.de

Fremdenverkehrsverein Altwarp, Tel. 039773/26564, www.altwarp.info Rieth: www.riether-winkel.de mit Hinweisen zu allen Netzwerk-Partnern, www.ostseeferienhaus.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.