Rosenkranz und Güldenstern

Stammten die Dänen in Shakespeares "Hamlet" aus Kassel?

Zwei alte Weggefährten Hamlets: In Kassel stehen als Güldenstern (links) und Rosenkranz die Schauspieler Christoph Förster und Christian Ehrich auf der Bühne des Schauspielhauses.

In William Shakespeares Tragödie „Hamlet“ gibt es zwei Figuren, die womöglich reale Vorbilder am Hof von Landgraf Moritz des Gelehrten in Kassel hatten.

Wir betrachten die Kasseler Theatersituation um 1600: Kann Hamlet etwas mit Kassel zu tun haben? „Das ist hier die Frage“, könnte man mit einem der berühmtesten Zitate der Theatergeschichte fragen. Eine Formulierung aus William Shakespeares Tragödie „Hamlet“, die bei genauerem Aktenstudium einen verblüffenden Bezug nach Kassel aufweist.

Im Drama sind die Figuren Rosenkranz und Güldenstern mit Dänenprinz Hamlet in Wittenberg als Studenten im Kolleg gewesen. Dann werden sie vom dänischen König zu Hilfe gerufen, um Hamlet zu überlisten. Es heißt im Drama: „Willkommen, Rosenkranz und Güldenstern! Wir wünschten nicht nur sehnlich, Euch zu sehn / Auch das Bedürfnis Eurer Dienste trieb uns zu der eiligen Sendung an. Ihr hörtet von der Verwandlung Hamlets schon: so nenn’ ich’s …“ (2. Akt/ 2. Szene).

Wie kommen aber nun diese Namen in das Shakespeare-Drama? Fest steht, dass Personen, die so hießen, am Kasseler Hof Moritz’ des Gelehrten arbeiteten. Das hat der ehemalige Leiter des Hessischen Staatsarchivs, Fritz Wolff, recherchiert: Er schrieb in einem Aufsatz: „Ove Rosenkranz war schon um 1560 als etwa 16-Jähriger von seinem Herrn, dem Dänenprinzen an Landgraf Wilhelm IV. nach Kassel empfohlen worden.“ Carl von Güldenstern tauche erst später auf, in den Hofspeiseverzeichnissen von 1598 bis 1600 mit der Bezeichnung „Däne“.

Am Kasseler Schauspielhaus ist Premiere für „Hamlet“ am Samstag, 19.30 Uhr. Regie: Gralf-Edzard Habben, Karten: 0561-1094-222. 

Güldenstern gehörte zur Schlafwache von Landgraf Moritz und war nachweislich an Ross- und Fußturnieren beteiligt. Er speiste in Kassel im gleichen Saal wie eine Gruppe englischer Schauspieler. In den höflichen Akten hat Wolff bei seinen Forschungen die Formulierung „zween Tische Engellender, circa 12 Personen“ gefunden. Sie ist der Hinweis auf englische Schauspieler, die am Hof engagiert waren.

Es ist überliefert, dass ein Urhamlet in einer Fassung von Thomas Kyd von Ende des 16. Jahrhunderts von reisenden Schauspielgruppen in Deutschland aufgeführt wurde.

Wenn also die Kasseler Schauspieler sich für eine Aufführung den Hamlet-Stoff vorgenommen haben, könnte es sein, dass sie kurzerhand den beiden einstigen Kollegen der Hauptfigur jene Namen verliehen, die sie abends im Speisesaal hörten. Und dass dann – die Quellenlage ist bei den Dramen Shakespeares ohnehin unübersichtlich – eine Dramenfassung mit den Kasseler Höflingsnamen zurück nach England und in der Folge sogar in die Werksammlung eingedrungen ist. Denn wie heißt es im „Hamlet“: „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.“

Landgraf Moritz hatte elisabethanisches Ensemble engagiert

Eine Schauspieltruppe des elisabethanischen Theaters hat sich in der Zeit zwischen 1594 und 1612 in Kassel aufgehalten. Zunächst haben die Schauspieler Stücke am Hof aufgeführt – bis der theaterliebende Landgraf Moritz I. sich entschloss, ein großes, steinernes Theater zu bauen, um möglichst viel Publikum teilnehmen zu lassen. So begann der Bau des ersten fest stehenden Theatergebäudes in Deutschland.

Moritz hatte ihn gegen das Votum der Räte durchgesetzt, denen er zu kostspielig war. Nach Fertigstellung 1606 wurde das Gebäude nach seinem Lieblingssohn Otto benannt, und Moritz gründete eine eigene Hofschule zur Ausbildung von Schauspielern in deutscher Sprache, denn bis dahin sprachen die Schauspieler in den aufgeführten Stücken lediglich Englisch.

Bis 1612 kann nachgewiesen werden, dass sich Schauspieler des elisabethanischen Theaters in Kassel aufgehalten haben.

Moritz beteiligte sich selbst auch am künstlerischen Geschehen – als Bühnenautor, Regisseur und Intendant. So war schon zu Lebzeiten William Shakespeares sein Theaterstil, das elisabethanische Theater, am Hof in Kassel präsent und wohl auch beliebt.

Neben den Figuren Rosenkranz und Güldenstern, die in Kassel und im „Hamlet“ nachweisbar sind, gibt es noch eine weitere Figur, auf die das zutrifft: Das ist Francisco, eine Nebenrolle der Wache. In den Kasseler Akten hat Historiker Fritz Wolff einen „Franciscus der Engellender“ gefunden.

Von Ingrid Pee und Bettina Fraschke

Lesen Sie in der gedruckten Ausgabe am Mittwoch außerdem:

- Kontakt zur Königin: Landgraf Moritz stand Elizabeth I. nahe

- Expertin: Quellenlage ist unklar

- Über Hamlet: Shakespeares Drama erschien 1603

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