500 Zuhörer in Frankenberg dabei

Star-Journalisten Hacke und di Lorenzo beim Literarischen Frühling

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Axel Hacke (links) und Giovanni di Lorenzo

Frankenberg. Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo lockten am Eröffnungswochenende des Literarischen Frühlings mehr als 500 Zuhörer nach Frankenberg. 

Dort fragten die Star-Journalisten, ob AfD und Pegida nicht nur eine Bedrohung sind, sondern vielleicht auch etwas Gutes haben.

Als Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo im Herbst 2010 ihr Buch “Wofür stehst Du?” veröffentlichten, lebten die beiden Journalisten noch in einem anderen Deutschland. Sie zeichneten das Bild einer entpolitisierten Gesellschaft, in der alle nur noch das Glück im Privaten suchten, und erörterten die Frage, was in unserem Leben wichtig ist, wenn es eben nicht nur um einen selbst geht.

Fünfeinhalb Jahre später ist Deutschland vor allem durch die Flüchtlingsdebatte wieder eine politisierte Nation. “Wofür stehst Du?” ist fast schon ein historisches Buch. Und trotzdem kamen am Eröffnungswochenende des Literarischen Frühlings mehr als 500 Gäste in die Kulturhalle Frankenberg, um zu hören, wie Hacke und di Lorenzo mehr als eineinhalb Stunden lang noch einmal die alten Fragen stellten.

Das lag zum einen an den Protagonisten. Hacke schreibt seit gefühlt 2000 Jahren im Magazin der “Süddeutschen Zeitung” seine Kolumne “Das Beste aus meinem Leben”, die man immer noch so gern liest wie am ersten Tag. Und “Zeit”-Chefredakteur und Talk-Moderator di Lorenzo könnte auch die Stellenanzeigen aus seiner Wochenzeitung vorlesen - vor allem die Frauen würden an seinen Lippen kleben. Hacke und di Lorenzo sind zwar erst 60 und 57, aber schon so etwas wie die Elder Statesmen des deutschen Journalismus - nur anders als der im vorigen Jahr gestorbene Altkanzler Helmut Schmidt rauchen sie nicht.

Der ungewöhnliche Andrang lag aber auch in ihrem Bestseller begründet, der trotz seiner Überholtheit noch aktuell ist. Ihre Suche nach gesellschaftlichen Werten erzählen die beiden Freunde autobiografisch. Man schmunzelt, wenn Hacke vorliest, wie er durch Werners Höfers Internationalen Frühschoppen politisiert wurde, den sein vom Krieg geschundener Vater jeden Sonntag schaute. Und man erschrickt, wenn di Lorenzo den Oberstudienrat an seinem Hannoveraner Gymnasium zitiert, der über den Einwanderersohn sagte: “Diesen Ittaker sollte man aufhängen.”

“Wofür stehst Du?” zeigt eindrucksvoll, wie aus dem repressiven Nachkriegsdeutschland eine moderne und weltoffene Gesellschaft wurde. Am spannendsten war es in Frankenberg jedoch, wenn die beiden Autoren nicht lasen, sondern über das Deutschland von heute sprachen, dessen Weltoffenheit von manchen wieder infragegestellt wird. Die Politisierung, deren Fehlen 2010 noch beklagt wurde, hat “das Land in vielen Teilen vergiftet”, wie di Lorenzo feststellte: Selbst “in der Redaktion streiten wir uns, wie wir uns noch nie gestritten haben”.

Hacke dagegen weiß nicht, ob das unbedingt schlechter ist als “die leichte Narkotisierung”, in die das Land zuvor durch die angeblich alternativlosen Entscheidungen der Berliner Politik versetzt wurde. Aber er beklagt: “Laut sind immer nur die anderen.” Also AfD und Pegida. Aber selbst deren Erscheinen in den politischen Debatten kann etwas Gutes haben, wie Hacke am Ende feststellte: “Es ist immer gut zu diskutieren.” Selbst Lesungen werden so interessant.

Axel Hacke, Giovanni di Lorenzo: Wofür stehst du? Was in unserem Leben wichtig ist. Eine Suche. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 8,99 Euro.

www.literarischer-fruehling.de

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