Star unterm Stern: Saxofonist Branford Marsalis in Kassel

Zwischen europäischer Tradition und amerikanischem Jazz: Saxofonist Branford Marsalis in der Karlskirche. Foto: Schachtschneider

Kassel. Der große Branford Marsalis in der Kasseler Karlskirche. Das ist kaum zu fassen. Der Jazz-Saxofonist zeigte sein ganzes Können - und agierte sogar im Zusammenspiel mit einem Auto.

Eins scheint sicher: Branford Marsalis ist kein Mann großer Worte. Er kommt hinter dem immer noch in der Kasseler Karlskirche stehenden riesigen Weihnachtsbaum hervor, stellt seine beiden Saxofone vor sich hin, das Publikum applaudiert und er sagt weder „Hello“ noch „Good evening“, sondern schlicht: „Danke.“ Und dann geht’s auch schon los.

Der große Branford Marsalis in der Karlskirche auf Einladung des Theaterstübchens. Das ist eigentlich kaum zu fassen. Der 55 Jahre alte US-Amerikaner gibt wenige Konzerte in Deutschland, eins davon hier. Marsalis solo: Das heißt zwei Stunden pure Konzentration, Emotion und freies Improvisieren zwischen europäischer Tradition und amerikanischem Jazz.

Das ist sehr bewegend und schlicht schön. Faszinierend, wie er Stimmungen aufbaut, Melodien entwickelt, weite Bögen spannt, die Klappen klappern lässt oder nicht nur mit markanten Schnalzgeräuschen, sondern auch mit wohlgesetzten Pausen rhythmisch Akzente setzt.

Gelegentlich schaut er aufs Blatt, ansonsten pendelt er beständig vor den Altarstufen lässig hin und her, in einigen Metern über ihm leuchtet der Weihnachtsstern gelb. Marsalis hat seine aktuelle CD „In My Solitude“ live in der Grace Kathedrale in San Francisco eingespielt. Er folgt dem Programm dieser Aufnahme mit eigenen Improvisationen, Standards wie „Stardust“ oder der Adaption einer Oboensonate von Carl Philipp Emanuel Bach.

Er führt lange intensive Selbstgespräche. Ohne Mitstreiter, auf die er reagieren kann, ist er ganz bei sich, eingeschlossen in seinem inneren Resonanzraum. Einmal hupt draußen kurz ein Auto und Marsalis reagiert auf den Ton, zitiert ihn spontan.

Kurz vor der Pause verliert er aber doch den Faden, verhaspelt sich und bricht kopfschüttelnd und sichtlich unzufrieden ab. Wunderbar! Nichts ist langweiliger als pure Perfektion! Am Ende applaudieren die Zuschauer im Stehen, danach gibt es noch zwei Zugaben. Eine davon ist „When the Saints Go Marchin’ In“ . Was könnte in dem heiligen Raum passender sein?

Von Andreas Gebhardt

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