Interview mit Philosoph zum neuen "Star Wars"-Film

Auch für kleine Kinder ist „Star Wars“ spannend: Ein als Darth Vader verkleideter Junge spielt mit Legosteinen. Foto:  afp

Star Wars: Das Erwachen der Macht“, der wichtigste Filmstart des Jahres, wird auch aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet: Der Kasseler Philosoph Martin Böhnert beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von Wissenschaft und Populärkultur.

Außerdem analysiert er auch die Erfolgsmechanismen des Sternenkrieger-Epos'.

Was erkennt man, wenn man sich wissenschaftlich mit Popkultur auseinandersetzt? 

Martin Böhnert: Dass sie in unserem Alltag tief verankert ist. Beispiel: Ich war kürzlich auf einer Hochzeit. Als dort drei Frauen vorgestellt wurden, waren das sofort die „Drei Damen vom Grill“. Solche Formulierungen aus Film und Fernsehen kennt jeder. Umgekehrt prägt die Popkultur unser Bild von Bereichen des Lebens, die wir nicht kennen. Wenn wir uns Mitglieder der Mafia vorstellen, sehen sie so aus wie im Film „Der Pate“. Wenn wir an Wurmlöcher denken, fällt uns nicht der Schulunterricht ein, sondern die TV-Kultserie „Big Bang Theory“.

Was kann die Philosophie zur aktuellen gesellschaftlichen Diskussion beitragen? 

Böhnert: Popkultur ermöglicht philosophische Experimente, etwa wenn man sich mit Harry Potter oder Zombiestoffen befasst. Nehmen wir die Zombieapokalypse „Walking Dead“. In dieser Welt sind Gesellschaftsstrukturen verloren gegangen. Wir können also überlegen, wie wir in solchen Umständen Gemeinschaften gründen würden.

Wo können Sie mit philosophischen Denkstrukturen bei „Star Wars“ einhaken? 

Böhnert: Da kann man etwa den Umgang mit Sprachen anschauen. Welches Verständnis von Sprache muss ich mitbringen, um davon auszugehen, dass die Sprachen anderer Spezies überhaupt übersetzt werden können. Copilot Chewbacca wird zum Beispiel nicht übersetzt. Was er äußert, ist nur darüber verständlich, wie die anderen Figuren reagieren. Das finde ich eine mutige Herangehensweise.

Würden Sie sagen, dass Regisseur George Lucas die Vision einer multikulturellen Gesellschaft auffächert, in der wir vielleicht Sprachsysteme nicht, aber einander trotzdem verstehen können? 

Böhnert: Durchaus. Im Filmepos wird eine große Selbstverständlichkeit im Umgang mit Sprachenvielfalt gezeigt. Es gibt wenige Figuren, deren Sprache überhaupt übersetzt wird. Vieles bleibt einfach so stehen.

Wie stellen sich Ihnen die Figurenzeichnungen dar? 

Böhnert: Nehmen wir die Frauen. In den frühen Filmen ist Leia eine emanzipierte Figur in der Männerwelt. Sie ist Prinzessin, Kriegerin, Diplomatin. Es wird getan, was sie anordnet. Klassische Erzählungen verlaufen oft nach dem Muster der Heldenreise, wo der Held am Ende die Frau kriegt, quasi als Bonus. Hier ist es überraschend anders: Leia wird am Anfang gerettet, erst danach entspinnt sich die Handlung.

Was ist in den neueren Filmen mit Prinzessin Padme?

Böhnert: Da passiert das Gegenteil: Auf dem Papier ist Padme eine Anführerin. In der Praxis tut sie nichts Eigenständiges. Sie gibt alle Kompetenzen auf für einen Mann und wird Hausfrau. Kaum auszudenken, wie wirkmächtig das sein könnte, wenn man weiß, wie viel Einfluss die Popkultur auf unsere Realität hat.

Warum ist der „Star Wars“-Mythos seit fast 40 Jahren so lebendig? 

Böhnert: Es gab zuvor nichts Vergleichbares. Heute ist der Filmmarkt wesentlich voller, „Star Wars“ aber bleibt. Und funktioniert für mehrere Generationen. Für die, die schon mit den ersten Filmen aufgewachsen sind, wie für die Kinder von heute.

Was sich verändert, ist der Status einer Figur wie Darth Vader. Ursprünglich war das ein Bösewicht zum Fürchten, heute ist er sogar als Plastikfigur auf dem Geburtstagskuchen präsent. 

Böhnert: Das liegt vor allem an Lego. Als Legofigur ist Darth Vader kein wirklicher Bösewicht - man kann prima mit ihm spielen. Ich war als Kind Fan von Darth Vader. Ich hatte Asthma und hier war ein cooler Typ, der ebenfalls schwer atmete, aber viel konnte. Außerdem kommt Vader am Ende ja durchaus auf die richtige Seite. Der Imperator ist im Epos der Abgrundböse - diese Figur will folglich niemand spielen.

Was bedeutet der spirituelle Überbau für den Erfolg von „Star Wars“? 

Böhnert: Das Konzept ist deshalb erfolgreich, weil die Regeln nicht so detailliert gefasst sind. So schwingen viele Bezüge zu unseren Religionen mit. Jeder kann Moralvorstellungen, die er kennt, locker daran anknüpfen. In den jüngeren drei Filmteilen wurde diese Macht dann konkret ausbuchstabiert. Da gab es bei Fans einen Aufschrei, weil das die Magie zerstörte.

Trügt der Eindruck, dass die jüngere „Star Wars“-Trilogie ohnehin viel mehr erklärt? 

Böhnert: Nein, das stimmt. Die Ur-Filme hatten den Anspruch, nicht alles vorzukauen, da blieben Leerstellen, die die Fans mit ihrer Fantasie füllen konnten. Die neuen Filmen haben viel ausformuliert. Das ist für das heutige Mainstreamkino charakteristisch.

Sind Filme heute generell weniger pfiffig? 

Böhnert: Nein, das kann man so nicht sagen. Aber das Medium hat sich verändert. Damals war Kino das große Ding, über das man gesprochen hat. Heute erfüllt eher das Fernsehen diese Funktion. Erfolgreich ist heute aber meist noch genau das, was Ansprüche stellt.

ZUR PERSON

Martin Böhnert (36, verheiratet) aus Neuental-Zimmersrode (Schwalm-Eder-Kreis) hat in Kassel und New York studiert. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Kassel arbeitet er derzeit an seiner Promotion über Methoden der Verhaltensforschung. Sein erster Kontakt mit „Star Wars“ war der früheste Film, den er als Kind auf einer raubkopierten VHS-Kassette anschauen konnte: „Das hat mich für immer geprägt“.

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