Autor des besten deutschsprachigen Romans des Jahres

Bodo Kirchhoff beim Göttinger Literaturherbst: Gefangener der Prominenz

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Hatte erstmal genug vom Wirbel um seine Person: Bodo Kirchhoff beim Literaturherbst im Alten Rathaus in Göttingen. 

Göttingen. Buchpreisträger Bodo Kirchhoff gab beim Literaturherbst in Göttingen lustlos Auskunft, las aber brillant. 

Bodo Kirchhoff hatte nach einer langen, anstrengenden Woche als frisch gekürter Buchpreisträger ersichtlich keine Lust mehr auf seinen Pflichttermin am späten Samstagabend beim Literaturherbst in Göttingen.

Der 68-Jährige, der heute vor einer Woche die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung des Börsenvereins für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres erhalten hatte, wirkte im ausverkauften Alten Rathaus erschöpft und unduldsam. Aufnahmen von Pressefotografen während der Lesung verbat er sich. Nach einer guten Stunde freute sich Kirchhoff nur noch auf ein „schönes Bier“. Gestrige Termine hatte er abgesagt – nach zahllosen Interviews auf der Buchmesse über seine prämierte Novelle „Widerfahrnis“ reicht dem Frankfurter jetzt der Wirbel. Immerhin rang er sich die Bemerkung ab, er habe zuletzt so viel geredet, „das war jetzt sehr schön, vielen Dank“.

Keine leichte Aufgabe also für Stephan Lohr, dem genervten Autor noch etwas zu entlocken. Der ehemalige Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur, der jetzt als Programmberater das wieder hochkarätig besetzte Festival in Göttingen unterstützt, ließ sich aber nicht davon beirren, dass ihm „ein Gefangener seiner gestiegenen Prominenz“ gegenüber saß, wie er es anfangs formulierte.

Kirchhoffs Lesung selbst allerdings war keineswegs routiniert abgespult. Der 68-Jährige, den Lohr einen „Virtuosen des erotischen Erzählens“ nannte, trug zwei Passagen ausgesprochen souverän vor.

Der Verfasser von über 20 Romanen war schon beim allerersten Literaturherbst vor 25 Jahren zu Gast. Selten aber war das Kritikerlob so einhellig positiv wie bei „Widerfahrnis“.

Der Begriff meine ein jähes, tiefgreifendes Erleben, dem man nichts entgegensetzen könne, erläuterte Kirchhoff, ein Ereignis, das einen zuerst umwirft und dann dauerhaft ändert. Die „unerhörte Begebenheit“, die eine Novelle kennzeichnet, ist bei Kirchhoff die Begegnung eines älteren Paars, das sich vorsichtig einander öffnet, mit einem Flüchtlingsmädchen in Catania. Die beiden wollten vom Tegernsee bloß eine Runde mit dem Auto drehen, am Achensee den Sonnenaufgang sehen. „Diese Runde endet in Sizilien“, so Kirchhoff, „das ist die Kurzfassung“.

Die beiden, ein ehemaliger Kleinstverleger und die frühere Besitzerin eines Hutgeschäfts, reisen einfach und spontan wie mit Anfang zwanzig. Und sie rauchen unablässig. „Filterlos, logisch“, so Kirchhoff. Mit jeder Zigarette, mit der „Pantomime“ des Rauchens, komme man sich näher. Seine Frau habe früher selbst gedreht, habe sich immer Tabakkrümel von den Lippen genommen, „ich fand das ziemlich scharf“. Kein Vergleich mit den Gesundheitsdrinks, an denen man heutzutage so nippe.

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