Stargeigerin Midori spielt die Solowerke beim Kultursommer in Kassel

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Midori in der Klosterkirche Kassel-Nordshausen.

Kassel. Sie ist eine der interessantesten Persönlichkeiten der internationalen Klassikszene – die japanische Geigerin Midori Goto (44), die als Künstlerin nur unter ihrem Vornamen auftritt. Zum wiederholten Mal war Midori, die in den großen Musikzentren der Welt zu Hause ist, beim Kultursommer Nordhessen zu Gast – in diesem Jahr mit zwei Konzerten in der kleinen Klosterkirche Kassel-Nordshausen.

Dass Midori hier die sechs Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach spielte – Gipfelwerke nicht nur der barocken Geigenliteratur – war ein musikalisches Ereignis, für das längst nicht alle Interessenten eine Konzertkarte ergattern konnten. Sie muss man auf Midoris 2015 erschienene Doppel-CD (Onyx/Note 1) verweisen.

Midori gehört zu jenen Spitzengeigern, die keine spieltechnischen Grenzen zu kennen scheinen. Man nimmt das als Zuhörer bewundernd zur Kenntnis, um sich dann ganz der Interpretation hinzugeben. Viele Musiker bemühen sich, Bachs Musik durch eine ausgefeilte Artikulation zum Sprechen zu bringen.

Bei Midori ist das ganz selbstverständlich vorhanden, doch sie vermeidet jede demonstrative Zurschaustellung. Bachs Musik gewinnt in ihrem Spiel eine tief aus dem Inneren kommende Intensität, jedes musikalische Detail ist in einen größeren Zusammenhang eingebunden – eine solche Souveränität der Interpretation ist nur selten zu erleben.

Midori muss das markante Fugenthema in der g-Moll-Sonate nicht extra pointieren, um dem Satz eine faszinierende Transparenz und Geschlossenheit zu verleihen. Die ausladende, komplexe Fuge der C-Dur-Sonate wird durch extreme dynamische Variabilität vom zartesten Pianissimo bis zu orchestraler Klangfülle – unterstützt durch die Akustik des Kirchenraums – zu einer spannenden Erzählung.

Die Tanzsätze der d-Moll-Partita entfalten durch Midoris rhythmisch klares und zugleich fein-flexibles Spiel eine bezwingende Gestik, sei es die sprunghafte Courante oder die flirrend-virtuose Gigue.

Einer der grandiosesten Solosätze für Violine ist der Schlusssatz der d-Moll-Partita, die Ciaccona. Folgt man der musikwissenschaftlichen These, wonach Bach diesen Satz als „Tombeau“ (Trauermusik) für seine mit 35 Jahren verstorbene erste Ehefrau Maria Barbara komponiert hat, dann kann man in Midoris Spiel eine ganze Welt an Gedanken und Gefühlen erkennen: Tiefe Trauer, zarte Erinnerungen, und in der konzentrierten Abfolge der Variationen auch Zuversicht und Gottvertrauen. Expressivität und Strenge: Midori, die auch studierte Psychologin ist, legt den Kern dieser überwältigenden Musik frei – romantisierendes Pathos ist dieser Künstlerin fremd. Riesenbeifall nach dem ersten Abend.

Der Applaus steigerte sich noch nach dem zweiten Konzert. Dieser Abend vollendete die Gesamtschau der sechs Bach'schen Violin-Solowerke. Worüber konnte man da mehr staunen - über den Reichtum und die Vielgestaltigkeit dieses musikalischen Kosmos' oder Midoris tiefe und geigerisch perfekte Durchdringung dieser Musik? Wie sich Freiheit mit sparsamen Mitteln realisiert, führte Midori im schlichten Eingangssatz "Grave" der a-Moll-Sonate vor - eine musikalische Meditation, die durch die anschließende komplexe Fuge in formal strengere Bahnen gelenkt wurde. Unglaublich subtil, dabei mit höchster Präsenz spielte Midori das anschließende Andante mit seiner steten Achtelbewegung - ein Kunstwerk allein dieser Satz.

Völlig andere Wege geht Bach in der h-Moll-Partita, deren vier Sätze jeweils durch eine schnelle Variation, ein Double, ergänzt werden. Extreme auch da: Zu einem kontrollierten Temporausch ließ Midori das Presto-Double der Courante werden, während sie das rhythmisch kraftvolle Borea-Thema (Bourrée) mit orchestralem Gestus in den Kirchenraum setzte. Mit der eleganten E-Dur-Partita schloss Midori ihre Bach-Erforschung ab. Die gelassene Souveränität, mit der sie die jeweiligen Satz-Charaktere hervortreten ließ, etwa in der feinen Loure mit ihrem charakteristischen Kurz-lang-Rhythmus, war große Kunst. Große Begeisterung, aber keine Zugabe. Es war schließlich alles gesagt.

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