Neu im Kino: „Gloria“ ist das hinreißende Porträt einer Endfünfzigerin, die neu durchstarten will

Stark, schön, frei – und allein

In Flirtlaune: Gloria (Paulina García). Foto:  Alamode

Schon wie Gloria beim Autofahren lautstark den Radioschlager mitsingt, zeigt exemplarisch, wie diese Frau gestrickt ist. Sie ist allein. Sie ist ein leicht melancholischer, eher zurückhaltender Typ. Aber sie reißt sich immer wieder zusammen, will sich der Einsamkeit nicht überlassen. Und sie versucht alles, um ihre Stimmung aufzuhellen, ihre innere Kraft immer neu zu spüren.

Sebastian Lélios grandioser Film „Gloria“ ist das Porträt einer Endfünfzigerin, die ein unspektakuläres Leben lebt. Geschieden, erwachsene Kinder, etabliert im Job, gepflegte Wohnung, Yogakurs. Sie ist eine Frau, die sich selbst gut kennt, und die mit ihrer Zeit etwas anzufangen weiß.

Der chilenische Regisseur Lélio will die oft übersehene, aber starke Frauengeneration seiner Mutter porträtieren, und wie Paulina García die Titelfigur verkörpert, ist einfach sensationell. Zurecht wurde sie bei der Berlinale mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet, wird sie bereits als südamerikanische Meryl Streep bezeichnet.

Gloria tanzt gern, geht auf Singlepartys und begegnet dort dem charmanten Rodolfo (Sergio Hernández). Man verliebt sich, landet im Bett, verbringt schöne Momente miteinander. Gloria stellt den Freizeitparkbetreiber sogar ihrer Familie vor, bei einem fröhlichen Abendessen mit den Kindern. Dort fühlt sich Rodolfo allerdings so unwohl, dass er verschwindet, woraufhin Gloria den Kontakt abbricht. Männer, die kalte Füße bekommen, wenn es ernst wird, kann so eine Frau nicht gebrauchen.

Auf sein Werben hin wird Gloria doch wieder schwach, man versucht es noch einmal, doch wenn immer wieder Rodolfos Kinder oder seine Exfrau anrufen und seine Anwesenheit einfordern, wird bald allzu klar, dass dieser Mann mitnichten frei ist für eine neue Beziehung.

Am Ende steht Gloria wieder allein auf der Tanzfläche und gibt sich der Musik hin. Es läuft der Italo-Knaller „Gloria“. Paulina García ist eine attraktive Frau, sie verleiht der Gloria eine sinnliche und zarte und zugleich sehr klare und durchsetzungsfähige Ausstrahlung. Die Tiefe und Vielfarbigkeit der Emotionen, die Paulina García anklingen lässt – oft ohne ein Wort zu sagen – ist eindrucksvoll. Die Kamera begleitet sie ständig, ist bei ihr wie eine nahe Freundin, und lässt auch die Momente kurz vor dem immer neuen Kraftschöpfen miterleben. Außergewöhnlich.

Und noch eine Erkenntnis stellt sich ein: Wie selten Frauen dieser Altersgruppe Hauptfiguren in Kinofilmen sind. Weder reduziert auf die Rolle der asexuellen Oma, noch in Zusammenhang mit Dramen auf den Klippen Cornwalls oder künstlichen Kreuzfahrtschiffwelten. Hier spüren wir das ganze Leben.

Genre: Tragikomödie

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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