Jubel nach der Premiere: Bei den Oberammergauer Passionsspielen setzt Regisseur Stückl neue Akzente

Der starke Christus geht seinen Weg

Starke schauspielerische Leistung: Frederik Mayet durfte nach einem Losentscheid bei der Premiere den Jesus spielen . Der andere Jesus-Darsteller, Andreas Richter, kommt später zum Einsatz. Foto: dpa

OBERAMMERGAU. Glücklich, wer noch eine Decke ergattern konnte: Die Kälte hat den 5000 Zuschauern am Samstag bei der Premiere der weltberühmten Oberammergauer Passionsspiele zu schaffen gemacht. Die Gäste - unter ihnen auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer - bibberten sich gemeinsam mit den Darstellern durch die rund fünfstündige Aufführung der Leidensgeschichte Christi - und waren trotzdem begeistert.

Mit einem komplett überarbeiteten Text, einer erschütternden Kreuzigung in dunkler Nacht und jungen Schauspielern hat Regisseur Christian Stückl (48) den Passionsspielen einmal mehr zum Erfolg verholfen. In seiner dritten Inszenierung nach 1990 und 2000 deutet er die Figur des Christus als einen Menschen, der konsequent seinen Weg geht, den sein Einstehen für den Glauben ans Kreuz bringt. Und er zeigt Jesus jüdischer als bisher.

Um die Forderung Jesu nach einer radikalen Umkehr der Menschen zu betonen, hat Stückl Texte der Bergpredigt in das Spiel integriert. Auf der Bühne dominiert das Braun der Wände, hinzu kommen blaue Böden und eine blaue Mittelbühne. Auch das Volk ist blau gekleidet, die Jünger und Jesus tragen Leinengewänder.

Zwölf Lebende Bilder - zur Handlung passende Szenen aus dem Alten Testament mit Menschen in starren Posen - sind ein farbenfroher Kontrast. Und viel Farbe verwendet Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier auch beim Hohen Rat.

Um Abendmahl, Ölberg-Szene und Kreuzigung in der Abenddämmerung und bei Dunkelheit zu inszenieren - und damit imposante Lichteffekte auf der offenen Bühne zu erzielen - beginnen die Aufführungen in diesem Jahr erst am Nachmittag.

Stückl ist ein Meister von Massenszenen. Wie er beim Einzug Jesu Hunderte von Menschen, darunter Säuglinge auf den Armen ihrer Mütter, auf der Bühne platziert, ist höchst eindrucksvoll. Bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel sind Schafe, Ziegen und Tauben auf der Bühne.

Mit der Passion 2010 geht Stückl auf die Juden zu. Jesus ist noch jüdischer als bisher, er trägt die Thorarolle in den Tempel. Besonders berührend ist die Szene des Brotbrechens beim Abendmahl: Christus spricht den Segen auf Hebräisch, dazu erklingt das „Schma Israel“ als zentrales Glaubensbekenntnis der Juden. Bei früheren Spielen hatten jüdische Organisationen antisemitische Tendenzen kritisiert.

Frederik Mayet (30) spielt den Christus so, wie Stückl es will: nicht leidend, sondern stark und unbeirrt. Der gerade erst 20 Jahre alte Maximilian Stöger als Petrus, Carsten Lück (39) in der Rolle des Judas, der 19-jährige Benedikt Geisenhof als Johannes und Eva-Maria Reiser (25) als Maria Magdalena - alle kommen sie aus Stückls Schauspielschule. Nur Ursula Burkhart (47) als Maria gehört zur alten Garde.

Fünfmal die Woche erfüllen die 2400 Mitwirkenden nun in mehr als 100 Aufführungen das Pestgelübde von 1633. Sofern die Zuschauer nicht ausbleiben, werden am 3. Oktober eine halbe Million Menschen aus aller Welt die Spiele gesehen haben. (dpa)

www.passionsspiele2010.de

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