Eckhard Manz und die Kasseler Kantorei St. Martin führten Rihms „Deus Passus“ auf

Starke Gesten des Leidens

Agierten in enger Verzahnung: Die Kantorei St. Martin Kassel und (von links) die Solisten Julia Mihàly, Ruth Sandhoff, Klaudia Zeiner, Thomas Cooley und Stefan Adam. Foto: Malmus

Kassel. „Passionsstücke nach Lukas“ nennt Wolfgang Rihm sein 2001 uraufgeführtes Oratirium „Deus Passus“ - ein Werk, das in der Tradition der großen Passionsmusiken der protestantischen Kirchenmusik steht - und sich gleichzeitig auch davon distanziert.

Anziehung und Abstoßung sind die Pole, zwischen denen das gut eineinhalbstündige Werk sich in einer mitunter schwer auszuhaltenden schwebenden Spannung hält. Zu hören war es am Sonntagabend in einer exemplarischen Aufführung vor rund 500 Zuhörern in der Kasseler Martins-kirche unter der Leitung von Kantor Eckhard Manz.

Weit entfernt von der Glaubensgewissheit, die Johann Sebastian Bach einst noch erfüllte, aber doch an vielen Stellen hörbar von ihm beeinflusst, hat Rihm das menschliche Leiden - ganz wörtlich auch das Blutvergießen - in den Mittelpunkt seines Werks gestellt. Folgerichtig beginnend mit dem Gründonnerstag und den Einsetzungsworten des Abendmahls als Opfermahl.

Rihm erzählt das Passionsgeschehen mit Texten aus dem Lukasevangelium. Und er legt sie Maria, der leidenden Mutter Jesu in den Mund - meist verkörpert von der Altstimme. Noch deutlicher wird die allgemeinmenschliche Perspektive Rihms, wenn er den Christuspart allen fünf Solisten gemeinsam anvertraut.

Am Ende von „Deus Passus“ ist das Grab leer - und auf den Evangeliumstext folgt Paul Celans anklagendes Gedicht „Tenebrae“ über den Gang in die Gaskammern.

Im Programmheft schreibt Eckhard Manz über die Betroffenheit, die sich bei der Einstudierung dieses sperrigen Werks einstellte. Die tiefe innere Beteiligung der Ausführenden, vor allem der auf sehr hohem Niveau agierenden Kantorei St. Martin, teilte sich den Zuhörern mit, die nach der Aufführung zunächst still verharrten und dann lange Beifall spendeten.

Ein dunkel timbriertes Orchester mit vier Posaunen, tiefen Oboen und Flöten grundiert das Passionsgeschehen mit einem einheitlich schweren, klagenden Ton - dicht verschmolzen vom Orchester St. Martin. Die melodischen Linien sind gesanglich, werden aber von dem dissonant aufgeladenden Instrumentalsatz beschwert. Das hervorragend harmonierende Solistenquintett (Julia Mihàly, Sopran, Ruth Sandhoff, Mezzo, Klaudia Zeiner, Alt, Thomas Cooley, Tenor, und Stefan Adam, Bass) verschränkte sich aufs Engste mit dem Chor, der Rihms komplexe, von Dissonanzen durchzogene Harmonik fast mühelos bewältigte.

Eckhard Manz sorgte für ein gleichbleibend hohes Spannungsniveau bei diesem Werk, das beeindruckt und doch auch ratlos macht.

Von Werner Fritsch

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