Glanzvoller Abschluss der Arolser Barock-Festspiele mit Carmignola und Oberlinger

Starke Leidenschaften

Setzten Glanzlichter in Bad Arolsen: Italiens Geigenstar Giuliano Carmignola und die künstlerische Leiterin Dorothee Oberlinger als Blockflötensolistin. Foto:  w.f.

Bad Arolsen. Was uns heute an barocker Musik begeistern kann, sind weniger die alten Formen und kompositorischen Stereotypen als vielmehr die explosiven Affekte, die ungeheuer starken Emotionen, die in den besten Werken jener Zeit stecken. Da kann 300 Jahre alte Musik auf einmal höchst modern und nah wirken.

Wie sehr gerade die Musik des Venezianers Antonio Vivaldi (1678-1741) unter die Haut gehen kann, erlebten die 560 Besucher beim glanzvollen Abschlusskonzert der 25. Arolser Barock-Festspiele in der ausverkauften Fürstlichen Reitbahn.

„Le Humane Passioni“, die menschlichen Leidenschaften, hat Vivaldi in einer Reihe von Violinkonzerten erforscht, und vier dieser Gefühlszustände führte der italienische Geigenstar Giulinao Carmignola, prominenter Gast dieser Festspiele, auf suggestive Weise vor.

„Il sospetto“ - der Verdacht -ist eines dieser Konzerte in der schweren Tonart c-Moll überschrieben. Fast körperlich spürt man im ersten Satz in den chromatischen Wendungen bohrende Zweifel, bevor im zweiten Satz die Gemütslage ins Bodenlose fällt.

Fast unwirklich in ihrer gläsernen Durchsichtigkeit waren die Töne, die Carmignola dafür auf seiner Guarneri-Geige fand, - vibratofrei gespielt und mit feinsten Echowirkungen im Pianissismo versehen: Intensiver kann man nicht vermitteln, wie jemandem, der plötzlich in einen Abgrund blickt, der Atem stockt. Ein Moment der Lähmung fast, der sich im Finalsatz dann in aufbrausenden Zorn verwandelt. Und was für ein Zorn! Mit virtuosen Kaskaden, wilden Akzenten bis zum wütenden Pizzicato-Plomm setzten Carmignola und das fantastische Ensemble „Sonatori de la Gioiosa Marca“ das Auditorium unter Strom.

Diese Art des Musizierens ist meilenweit entfernt vom harmlosen Mainstream-Vivaldi, wie man ihn zum Teil auch von Spitzengeigern serviert bekommt. Das italienische Moment dieser unter Höchstspannung musizierenden Formation besteht allerdings in der Kunst, sich spielerisch zu verausgaben, ohne dabei die Grenzen des klanglich Schönen zu verletzen.

Erstrangige Virtuosen sind die „Sonatori“ allesamt - ihr Motor und emotionales Zentrum ist aber Walter Vestidello, ein Barockcellist von höchster Spielkunst und furioser Ausdruckskraft. Carmignola mit diesem Ensemble zusammen in vier Konzerten zu hören, war ein auch in der langen Bad Arolser Festspieltradition herausragendes Erlebnis: Neben dem „Verdacht“ charakterisierte er das „Verliebtsein“, die „Unruhe“ und zum Schluss mit überbordender Virtuosität bis in höchste Lagen das reine „Vergnügen“.

Ein Vergnügen war es bereits zuvor gewesen, Dorothee Oberlinger, die künstlerische Leiterin der Festspiele, selbst mit zwei Vivaldi-Konzerten zu hören. Wunderbar gespielt in der Verbindung von atemberaubender Virtuosität und packender Emotionalität war besonders das berühmte Konzert für die kleine Sopranino-Flöte in C-dur RV 443.

Damit die beiden Stars des Abends wenigstens bei den Zugaben gemeinsam auf der Bühne stehen konnten, spielten sie die Ecksätze des „Sommers“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in einer Bearbeitung für Violine und Blockflöte. Laute Beifallsstürme gab es auch für diese virtuose Parforcejagd.

CD-Tipp: Vivaldi: „Vier Jahreszeiten“ mit Giuliano Carmignola. Sony Classical.

Von Werner Fritsch

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