Gilad Atzmon mischte Göttinger Jazzfestival auf

Starke Musik und ein schwacher Eklat

Umstrittener Musiker: Gilad Atzmon.

GÖTTINGEN. Von einer Kundgebung wurden am Samstag die Besucher des Göttinger Jazzfestivals begrüßt. Ein „Israelbündnis Göttingen“ protestierte gegen den Auftritt des israelischen Saxofonisten Gilad Atzmon und rief zum Boykott von dessen Konzert auf. Atzmon vertritt seit seiner Teilnahme als israelischer Soldat am Libanonkrieg eine deutliche Ablehnung der israelischen Politik und verbreitet dabei auch einige recht krude Ansichten.

Anlass für ein Flugblatt, das vor dem Deutschen Theater verteilt wurde und in dem Atzmon als „NS-Verharmloser“ und „anti-israelischer Hetzer“ bezeichnet wurde. Diese Vorwürfe hatten zuvor bereits einige Wellen geschlagen. Atzmons Konzert wurde zwar nicht abgesagt, aber auf den späteren Abend verlegt und Hilmar Beck, Fachbereichsleiter Kultur der Stadt Göttingen, hatte sich aus der Leitung des Jazzfestivals zurückgezogen. Vor dem Konzert hatte es zwar ein klärendes Gespräch Atzmons mit Vertretern der jüdischen Gemeinde gegeben. Das Israelbündnis hatte aber nicht daran teilgenommen.

Zurück zur Musik: Der Samstagabend begann ansprechend mit Céline Bonacina und ihrem Trio, einer zierlichen Frau am mächtigen Baritonsaxofon, mit weichem Ton und durchaus rockigen Klängen. Faszinierend!

Es folgte Kyle Eastwood, Sohn des berühmten Clint und ein begnadeter Bassist. Zusammen mit Jim Rotondi (Trompete), Richard Beesley (Saxofon), Andrew McCormack (Piano) und Martyn Kaine (Schlagzeug) bot Eastwood eine mitreißende Show. Die durchweg eigenen Stücke vom „Soul Captain“ bis zum „Cafe Calypso“ hatten Drive. Lyrische Zwischentöne gab es mit dem Thema der Filmmusik von „Letters from Iwo Jima“ auch, und Eastwoods Bassspiel war exzellent. Ob am verkürzten Kontrabass oder am Fretless-Bass, Eastwood tobte furios durch die Skalen.

Danach wurde es auf andere Art spannend: Gilad Atzmon erwies sich mit seinem bestens aufgelegten „Orient House Ensemble“ als genialer Dekonstruktivist: „Now we destroy some beautiful tunes ...“ Was dann auch lustvoll zelebriert wurde - mit etlichen nahezu bösartigen musikalischen Zitaten und Einfällen. Das tat zuweilen etwas weh. Atzmon ist ein brillanter Musiker mit kontroversen Ansichten ziemlich galligem Humor.

Bei „London to Gaza“ spielte Atzmon sich dann schier die Seele aus dem Leib. Einen derart beeindruckenden Auftritt verbieten zu wollen, ist keine besonders gute Idee.

Von Udo Angerstein

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