Polaroids von Helmut Newton im Museum für Fotografie Berlin

Starke nackte Frauen

Unter dem Hut verborgen: Helmut Newtons Polaroid Monte Carlo 1985 für die Illustrierte „Paris Match“. Foto: Helmut Newton Estate/ nh

Berlin. Starke Frauen in hohen Absätzen sind sein Markenzeichen. Gerne platziert Helmut Newton sie oben ohne in freier Wildbahn. Wie Raubkatzen, die die Blicke des Betrachters herausfordern, erscheinen die schlanken Models, wehrhaft und selbstbewusst in ihrer Nacktheit.

Mit seinen unterkühlten und überschönten Mode- und Aktfotos wurde Newton, der Berliner, der mit 18 Jahren emigrierte, berühmt. Man schätzt die glamourösen Großformate des 2004 verstorbenen Regisseurs der Begierden. Dass der Meister der Inszenierung während seiner Shootings auch massenhaft Polaroids anfertigte, ist weniger bekannt. Selbst seine rüstige Witwe June kennt nicht ihre genaue Anzahl. Da schmort noch einiges in Koffern.

In der Helmut-Newton-Stiftung im Berliner Museum für Fotografie wird jetzt erstmals ein repräsentativer Überblick über seine Polaroids aus den Jahren 1969 bis 2003 gezeigt. Er nutzte diese Technik, um sofort sehen zu können, wie die Situation im Bild wirkt, die er für seine Modeaufträge arrangierte. Die Polaroids waren Ideenskizzen und dienten der Überprüfung von Lichtführung und Bildkomposition.

Damals gab es ja noch keine digitalen Möglichkeiten. Das 1947 entwickelte Verfahren der Sofortbildfotografie ist längst überholt von Smart-phones und Digitalkamera. Im vergangenen Jahr versteigerte Sotheby’s die Konkursmasse des Unternehmens. Umso höher zu schätzen ist der Wert der Polaroid-Unikate.

Über 300 solcher Foto-Studien, für die am Markt 20 000 bis 25 000 Dollar bezahlt werden, hat June Newton für die Schau ausgegraben und Kurator Matthias Harder arrangiert. Oberstes Kriterium: „Schönheit.“ So schön wie Simonetta mit den langen, roten Fingernägeln, die sich mit ihren sagenhaften Beinen nackt in einem Sessel räkelt, oder Evi, die Blonde mit dem traurigen Blick, 1996 in Beverly Hills.

Newton habe die Polaroids, die er bis zu seinem Tod anfertigte, nach Hause gebracht und June gefragt: „Was denkst du?“ Dabei erscheinen die Kompositionen auch ohne ihr Urteil vollendet. Für die Ausstellung sind Vergrößerungen der zumeist farbigen Polaroids entstanden, hauptsächlich 50 mal 60 Zentimeter groß. So muss sich keiner abmühen mit den kleinen Originalen, von denen einige in Vitrinen liegen.

Vergleiche mit den Resultaten in Zeitschriften wie der „Vogue“, dem „Stern“ oder „Paris Match“ lassen sich aber nicht anstellen. Wenn eine exaltierte Schöne mit schickem Bustier und Federhaube am Strand posiert, darf man ebenso schmunzeln wie über die riesenhafte Frau als Herrin, die einen kleinen Mann zum Aktenkofferträger degradiert. „Macht interessiert mich, sexuelle, finanzielle, politische“, bekannte Newton. Seine Bilder erzählen davon.

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2; bis 20. November.

Von Andrea Hilgenstock

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