Auszeichnung mit Pulitzerpreis

Starke Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ am Theater in Göttingen

Wortgefechte im Wellnesstempel: Nikolaus Kühn (Isaac, von links), Andrea Strube (Lory), Marie Seiser (Emily) und Benjamin Kempf (Amir). Foto: Aurin

Göttingen. Es ist eine gute Idee, das Stück in einem Wellnesstempel anzusiedeln. Ayad Akhtars „Geächtet“ spielt am Deutschen Theater in Göttingen in einem edlen Hamam.

Man bedeckt sich mit Seifenschaum, schlurft in Plastikschlappen herum, wickelt Handtücher um die halbnackten Körper. Die 2013 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete New Yorker Konversationskomödie ist ursprünglich im Apartment von Anwalt Amir und Künstlerin Emily angesiedelt, doch Regisseur Dominik Günther hat sie an diesen Ort verlegt, an dem Menschen auf ihre Körper reduziert sind. Gerade hier lässt sich wunderbar von Identitätssuche erzählen, davon, was einen Menschen ausmacht und was er von sich preisgeben will.

Aspekte wie körperliche Optimierung und die Selbstbezogenheit einer Wohlstandsgesellschaft, die zwischen zur Schau getragener Toleranz und egozentrischem Statusstreben hin- und hergerissen ist, schwingen außerdem mit, wenn Amir (Benjamin Kempf) bei der Massage barsche Diensttelefonate führt, Emily (Marie Seiser) hier Kurator Isaac (Nikolaus Kühn), empfängt und dessen Frau, Amirs Kollegin Lory (herrlich exzentrisch: Andrea Strube), die intime Plauderei mit Freunden für einige Sets Liegestütz nutzt.

Visuell ergeben sich weitere subtile Bezüge zur Thematik, wenn Hamambetreiber Khalid (Ali Hossein Rajabi) die Gesichter der Besucher mit verschiedenfarbigen Masken teils weiß, teils dunkel bepinselt.

So ist die Ausgangslage schon mal absolut großartig erdacht und gemacht (Ausstattung: Sandra Fox).

Stück könnte nicht aktueller sein

In diesem Rahmen entfaltet sich ein Stück, das aktueller nicht sein könnte und in seiner dicht gewebten Sprache, seiner sich unausweichlich steigernden Spannung und seiner detailreichen Figurenzeichnung sicher zum Stärksten gehört, was derzeit auf dem oft wohlfeilen Markt der künstlerischen Bearbeitungen des Themas Integration zu finden ist. Zur Premiere am Samstag gab es viel Applaus.

Marie Seiser verleiht Emily die Ernsthaftigkeit einer Entdeckerin. Sie schwärmt von der spirituellen Kraft des Islams, dessen künstlerische Traditionen sie als Inspiration für ihre Arbeit nutzt. Während ihre Kunst deshalb schwer angesagt ist, bangt zugleich Amir um seinen Aufstieg in der jüdischen Kanzlei. Mit seinen muslimischen Wurzeln und seiner pakistanischen Herkunft will er nichts zu tun haben. Er hat der Religion mit wohlgesetzter Argumentation abgeschworen, seinen Familiennamen geändert, in teure Hemden investiert. Aber kann man die Herkunft hinter sich lassen? Und ermöglicht die Gesellschaft Leuten wie ihm die Integration überhaupt?

Wunsch wird zur Katastrophe

Der Wunsch seines Neffen Abe, der früher mal Hussein hieß (Roman Majewski), sich für einen inhaftierten Imam einzusetzen, und Emilys Drängen, damit ein Zeichen zu setzen, führen schließlich in die Katastrophe und lassen Amirs Freundeskreis, Job und Beziehung bersten.

Wie präzise und bissig sich Benjamin Kempf als dauerangespannter Amir und Nikolaus Kühn als lässig-intellektueller Isaac Wortgefechte zu Identität und Toleranz liefern, ist brillant. Und plötzlich ist da das Schimpfwort „Verkappter Scheiß-Dschihadist“.

Wieder am 28.4., 5., 23. 30.5., Kartentelefon: 0551-496911
www.dt-goettingen.de

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