Am Samstag hat Puccinis „La Bohème“ im Opernhaus Premiere - Philipp Kochheim inszeniert, Marco Comin dirigiert

Der starke Wunsch zu leben

Musikalische Leitung: Marco Comin. Foto: Ketz/nh

Kassel. Von Giacomo Puccini ist der Satz überliefert, dass er mit seiner Oper „La Bohème“ die Menschen zum Weinen bringen wollte. Eine sentimentale Verklärung der traurigen Liebe des Schrifstellers Rodolfo zu der Näherin Mimì war dennoch nicht seine Absicht. Der beste Beweis dafür ist der Verzicht Puccinis auf ein dramatisches Abschiedsduett.

Für den Ersten Kapellmeister Marco Comin, der die Premiere der Kasseler Neuproduktion am Samstag dirigieren wird, besteht die große Kunst Puccinis im musikalischen „verismo“ - der Genauigkeit und Wahrhaftigkeit, mit denen der Komponist seine Figuren zeichnet. Besonders Mimì, in die sich Puccini „verliebt hat wie in alle seine weiblichen Hauptfiguren“, so Comin.

Das Geheimnis der suggestiven Wirkung von Puccinis Musik besteht Comin zufolge in der klaren Struktur, dem raffinierten Aufbau der Szenen und der genialen Instrumentation.

Für den Regisseur Philipp Kochheim, der in Kassel zuletzt die Fallada-Revue „Kleiner Mann, was nun?“ inszenierte, ist eine Szene im dritten Bild von besonderer Bedeutung. Da will sich Rodolfo von der kranken Mimì trennen. Nicht um sie zu verlassen, sondern „weil er aus übergroßer Liebe auf sie verzichten will“ - denn als armer Künstler kann er nicht für ihre Behandlung sorgen.

Faszinierend findet Kochheim, wie die vier Künstler „eine beschleunigte Pubertätsgeschichte“ durchleben: Leichtfertig, als Künstler noch ohne Thema und eigene Sprache sind sie zu Beginn. Die Liebe und die Erfahrung des Leidens und des Sterbens Mimìs lässt sie reifen - und künstlerisch ihr Thema finden.

Kochheim legt Wert darauf, Mimì nicht als schwache Figur, als personifiziertes Opfer zu sehen. Sondern als eine junge Frau mit dem starken Wunsch zu leben und teilzuhaben, eine Frau, die durchaus „kecke Momente“ hat. Umso größer ist die Rührung zum Schluss, wenn dieses Leben verlischt.

Das ist ein Moment, „wo wir uns gefühlsmäßig erwischen lassen“, meint Kochheim, der nicht akzeptieren will, dass starke Gefühle im Film allgemein akzeptiert werden, während man ihnen in der Oper oft mit Vorbehalten begegnet.

Allerdings spielt diese Geschichte der jungen Künstler nicht im luftleeren Raum. Die romantischen Vorstellungen von einer „Bohème“, die heute wohl eher Prekariat heißen würde, liegen dem Götz-Friedrich-Preisträger eher fern.

Als historische Folie hat Kochheim auf die Ereignisse um das Filminstitut „Cinémathèque française“ zurückgegriffen. Dessen Schließung durch den Kulturminister André Malraux gehörte 1968 zu den Auslösern der Mai-Revolte in Paris. Was im Libretto als Zollschranke die Pariser Welten trennt, sind hier die Barrikaden von 1968. Philipp Kochheim spricht von einer sehr filmischen Darstellung des „Spät-68er-Ambientes“.

Premiere: Samstag, 19.30 Uhr, Opernhaus. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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