Jörg Widmann war Gastsolist in Kassel, Marco Comin dirigierte

Starker Konzertauftakt

Umjubelter Solist: Klarinettist Jörg Widmann in Kassel. Foto: Fischer

Kassel. Die menschliche Stimme steckt als Idee auch in der Instrumentalmusik. Marco Comin, der Erste Kapellmeister des Kasseler Staatsorchesters, wies jüngst darauf hin. Besonders nahe kommt die Klarinette der menschlichen Stimme, eine Eigenschaft, die schon Mozart an dem Instrument bewunderte.

Der Titel „Cantus“ (Gesang), den der Komponist Aribert Reimann (74) seinem Klarinettenkonzert gab, ist daher mehr als gerechtfertigt. „Cantus“ steht aber auch insgesamt als Motto über den Kasseler Sinfoniekonzerten dieser Saison - und so musste einfach im ersten Konzert der Reihe die Klarinette im Mittelpunkt stehen.

Authentischer als von Jörg Widmann (37) gespielt, könnte man Reimanns Konzert „Cantus“ wohl kaum hören: Der Freiburger Professor für Klarinette (und ebenso prominente Komponist) ist Widmungsträger dieses herausragenden Stückes, das über fast zwanzig Minuten hinweg die ganze Ausdrucksskala des Instruments aussingt.

Wie ein einziges „Dennoch“ behauptet sich die Solostimme gegenüber dem Orchester, das schon bald nach den ersten Melodietönen der Klarinette mit dissonanten Streicherklängen in die Parade fährt. Reimann lässt dem Soloinstrument den Raum zur Entfaltung, indem er auf Geigen und Celli verzichtet, dafür aber im Bassbereich aufrüstet, unter anderem durch eine selten zu hörende Kontrabassklarinette.

Gleichzeitig setzt das farbenreiche Orchester das Soloinstrument mit eigenständigen Aktionen immer wieder unter Druck und zwingt es zu heftigen Ausdrucksformen, extremen Höhen, Flatterzungentönen, vierteltönigen Ausweichungen. Erst zum Ende versöhnen sich Solist und Orchester, ehe die Solostimme auf dem Ton H verklingt.

Faszinierend, wie vielgestaltig und gleichzeitig dringlich Widmann diesen Solopart interpretierte. Bewundernswert auch als bläserischer Marathon, denn zuvor hatte er bereits Mozarts berühmtes Klarinettenkonzert gespielt.

Widmanns heller Ton entspricht zwar nicht dem dunkel-romantischen Klarinettenideal deutscher Prägung. Doch wer könnte so wie er Mozarts schönsten Solopart in seinem ganzen Reichtum an Farben und Gestalten lebendig werden lassen? Eine Mozart-Sternstunde auch deshalb, weil Marco Comin und das Staatsorchester als perfekte Partner und, wo nötig, auch als Gegenspieler agierten. Selten hört man Mozart so bis in die letzte Note belebt.

An diese Qualitäten knüpften Marco Comin und das Staatsorchester auch bei Mozarts später g-Moll-Sinfonie KV 550 an: Bestens akzentuiertes Spiel, stimmige Phrasierungen, traumwandlerisch sicheres Ineinandergreifen von Themen und Stimmungen. Nur beim Finale trieb Comin das Tempo so sehr an, dass einiges an Präzision auf der Strecke blieb.

Dennoch ein toller Start in die Konzertsaison - belohnt von großem Beifall in der voll besetzten Kasseler Stadthalle.

Von Werner Fritsch

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