Starker Ruf nach Frieden: Beethovens „Missa solemnis“ in Kassel

Der Dirigent: Eckhard Manz als eindringlicher Leiter.

Kassel. Einfach nur eine Messe zu komponieren, muss für Ludwig van Beethoven unmöglich gewesen sein. Von 1819 bis 1823 arbeitete er an seiner „Missa solemnis“, rang mit der liturgischen Form und verpasste den Kompositionsanlass, die Inthronisation Erzherzog Rudolphs als Erzbischof von Olmütz, um mehrere Jahre.

Das Ergebnis dieses Ringens ist eine einzigartige Bekenntnismusik - eine Messe im Zuschnitt eines Oratoriums, mit der Beethoven ganz persönlich seiner „Gottheit“, wie er es nannte, gegenübertritt.

Eine Musik, die die Zuhörer eineinhalb Stunden lang mit ihrer Unbedingtheit im Griff behält, wie es beim eindringlichen Silvesterkonzert in der Martinskirche zu erleben war.

Dabei verlangt Beethoven seinen Interpreten alles ab. Das Gloria, in stetem Wechsel der Ausdruckssphären, will schließlich gar nicht enden, und das „In Gloria Dei Patris. Amen“ findet immer noch eine Steigerung, bis der Chorsopran das hohe H erreicht - ein fast schon gewaltsamer Jubel.

Es waren solche Momente, in denen die außergewöhnliche, ja herausragende Leistung der Kantorei St. Martin deutlich wurde, die sich unter der Leitung von Kantor Eckhard Manz diesem Werk nicht nur gewachsen zeigte, sondern Beethovens Musik als starke Botschaft ins voll besetzte Kirchenschiff trug.

In die chorsinfonische Faktur der Messe sind die Solostimmen eng eingebunden und doch von großer Bedeutung, etwa wenn der Solotenor im Credo das „Et Homo Factus Est“ - die Menschwerdung - herausstreicht. Beim souveränen Solistenquartett mit Anja Fidlia Ulrich (Sopran), Melinda Paulsen (Alt), Andreas Post (Tenor) und Stefan Adam (Bass) waren allenfalls bei der Sopranistin ein paar Abstriche bei der Intonation zu machen.

Das Orchester St. Martin, dessen Rückgrat Musiker des Staatsorchesters bilden, gab der Messe nicht nur die sichere sinfonische Grundierung, sondern setzte im instrumentalen Präludium (zur Wandlung) auch farblich feine Akzente. Katalin Hercegh deutete mit ihrem Violinsolo beim Benedictus jene himmlischen Sphären an, aus denen Beethoven diesen Satz entstehen lässt.

Weit mehr als eine Schlussformel, nämlich ein zentraler Gedanke dieser Messe, ist die Bitte um äußeren und inneren Frieden „Dona nobis pacem“ im Agnus Dei - einschließlich instrumentalen Einschüben, die Krieg und innere Verwirrung andeuten. Mit viel Nachdruck gestaltete Manz diesen Friedensappell, der eine nicht alltägliche Aufführung beschloss. Langer Beifall.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.