Saisonstart am DT in Göttingen

Starkes Theater: Das Ich und der Nahe Osten

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Unversöhnlich: Andrea Strube (Nora, von links), Angelika Fornell (Leah), Anna Paula Muth (Wahida). 

Katharina Ramser inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen zum Spielzeitstart das Stück der Stunde: Wajdi Mouawads "Vögel" verschränkt Fragen nach Identität und Herkunft des Menschen mit dem Konflikt im Nahen Osten. 

Als sie sich in der New Yorker Unibibliothek begegnen, ist es für Wahida und Eitan so, als lösche die Liebe alle Prägungen der Vergangenheit aus. Ihr Kuss erschafft sie als neue Menschen. Der aus dem Libanon stammende französische Dramatiker Wajdi Mouawad lässt zu Beginn seines 2018 veröffentlichten Theaterstücks „Vögel“ das Verlieben als wahrgewordenen Traum erscheinen. Der im Verlaufe des Theaterabends unaufhaltsam zerpflückt wird.

Am Samstagabend wurde die Premiere im Deutschen Theater in Göttingen mit langem Applaus, Bravo-Rufen und Fußtrampeln gefeiert. Das Publikum erlebte intelligentes, relevantes Theater, ein spannendes Gegenwartsstück, das die großen Konflikte unserer Zeit verhandelt, und zu Recht deutschlandweit zu den meistgespielten Dramen der Saison zählt.

Als der jüdische Deutsche (Gregor Schleuning) die arabischstämmige Amerikanerin (Anna Paula Muth) beim Pessachfest seinen Eltern David (Florian Eppinger) und Nora (Andrea Strube) und seinem Großvater Etgar (Paul Wenning) vorstellen will, kommt es zum Eklat. Obwohl man sich im aufgeklärt-akademischen Milieu bewegt, stehen plötzlich politische, religiöse und kulturelle Ressentiments so trennend im Raum wie die Mauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Und ein über Jahrzehnte gehütetes Familiengeheimnis bricht auf.

Regisseurin Katharina Ramser und Bühnenbildner Jeremias Böttcher lassen die wuchtigen Dialoge auf fast leerer Bühne wirken, Leuchtstäbe erhellen schwarze Flächen, manchmal sind Figuren durch halbtransparente Gazevorhänge voneinander getrennt. Das passt gut zur Rückblendendramaturgie des Textes, der mit scharfen Schnitten zwischen den Zeitebenen springt.

Man begegnet sich an Eitans Krankenbett in Israel. Auf der Suche nach seiner Großmutter Leah (Angelika Fornell) war er in ein Attentat geraten. Wahida blieb verschont, weil sie in der Zeit von einer Soldatin (Katharina Müller) verhört worden war.

Und nun verlagert sich der Fokus auf Eitans Vater David, den Florian Eppinger als strengen und ein bisschen selbstgerechten Hüter des jüdischen Erbes darstellt. Später muss er sich radikal infrage stellen, als er am Cafétisch sitzt, die Espressotasse in der Hand, und ganz unerwartet über seine Herkunft aufgeklärt wird. Florian Eppinger macht dies zu einem zutiefst bewegenden Theatermoment, als er zeigt, wie der Kopf manchmal nicht in der Lage ist, eine Erkenntnis wirklich zu fassen.

Auch rückt Wahida stärker ins dramatische Zentrum, die sich unterwegs im Nahen Osten zum ersten Mal fragen muss: Bin ich Araberin? Nein, antwortet sie erst, doch Sekunden später: Doch. „Ganz Ramallah riecht nach meiner Mutter“, sagt sie nach einer Reise in die Palästinensergebiete. Anna Paula Muth macht im Blumenkleid (Kostüme: Franziska Ambühl) mit jugendlichem Ungestüm und wachsender Unbedingtheit spürbar, wie Wahidas Persönlichkeit gestärkt wird, in dem sie sich ihrer Herkunft stellt.

Der Mensch hat eben doch Wurzeln, hängt eben doch fest an Traditionslinien aus Familie, Religion und Kultur. Selbst durch die Liebe kann er sich nicht neu erfinden.

Manchmal ist es für die Darsteller – besonders im ersten Teil des Abends – nicht leicht, gegen die schwergewichtigen Textmassen anzuspielen.

Vor allem Paul Wenning und Angelika Fornell bringen dann als Großeltern die emotionale Ebene ins Spiel – das changiert zwischen unbedingter Zugewandtheit und auch Bitterkeit.

Und immer wieder schleicht Marco Matthes zwischen den Protagonisten herum – er verkörpert Al-Hasan al-Wazzan, über den Wahida forscht. Ein muslimischer Gelehrter aus dem 16. Jahrhundert, der zum Brückenbauer zwischen Orient und Okzident wurde.

Wieder am 27. September, 16. Oktober, Karten: 0551 / 4969300. dt-goettingen.de

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