Stars für den Starstecher

Ragna Schirmer und Christian Brückner mit dem Stück „Blendwerk“ in Kassel

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Zwei Topkünstler: Ragna Schirmer als Advokatin am Flügel...

Kassel. Gemeißelte Klarheit am Klavier und eine magische Sprechstimme: Ein Gipfeltreffen zweier Topkünstler gab es am Freitag beim Musikfest des Konzertvereins. Pianistin Ragna Schirmer und Sprecher Christian Brückner beeindruckten in der documenta-Halle mit dem musikalischen Theaterabend „Blendwerk“.

Die Geschichte dazu: Die Barockmeister Bach und Händel sind sich zwar nie persönlich begegnet, beide waren aber Patienten des obskuren englischen Augenarztes John Taylor (1703-1772). Der behandelte als Selbstvermarkter und reisender Starstecher den Grauen Star mit zweifelhaften Methoden. So brachte er Händel keine Besserung, Bach starb sogar vier Monate nach den Operationen.

Eben diesem Taylor hat Autor Frank Wallis sein 2012 uraufgeführtes Stück gewidmet – eine Lebensbeichte des Quacksalbers in altertümlichen Versen wie: „Ich half Tausenden aus höchster Pein, ich suchte Rat, wo andere versagten, in Finsternis trug ich mein Licht hinein.“ Nicht jedem Schauspieler dürfte ein solcher Text gelingen, bei Brückner klang er so kostbar wie Musik.

... und Schauspieler Christian Brückner als John Taylor. Fotos: Fischer

Der 72-Jährige gilt zu Recht als „The Voice“ und erfolgreichster deutscher Sprecher, bekannt unter anderem als Synchronstimme von Robert De Niro. Hier schlüpfte Brückner an einem Tisch sitzend in die Rolle des resignierten, greisen Taylor, berichtete von Frauen, grausigen Behandlungsmethoden und den charakterlich so unterschiedlichen Komponisten.

Derweil verkörperte Ragna Schirmer, „Artist in Residence“ beim Musikfest, eine mysteriöse Figur, teils Anklägerin, teils Todesengel. Vor allem aber spielte sie wunderbar Werke der beiden „Patienten“. Fein verziert, glasklar und majestätisch virtuos. In Bachs „Chromatischer Fantasie und Fuge“ gingen wahre Energiewellen durch den Saal. Nach dem tröstlichen Choral „Jesus bleibet meine Freude“ führte sie den dubiosen Medicus nach hinten – ins Jenseits? Es folgte Riesenbeifall der 150 Gäste.

Von Georg Pepl

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