Kai Schlüter stellte in Vellmar sein Buch über die Bespitzelung des Literaturnobelpreisträgers vor

Die Stasi und der „Bolzen“ Grass

Spannende Zeitgeschichte: Autor Kai Schlüter. Foto: w.f.

Vellmar. Jahrzehntelang hatte sich der Literaturnobelpreisträger Günter Grass geweigert, seine Stasi-Akte einzusehen. Er fürchtete, von Menschen, die er mochte, enttäuscht zu werden. Als er nach langem Drängen endlich bereit war, einen Dritten in seine Stasi-Akte Einblick nehmen zu lassen, fiel die Wahl auf den Journalisten Kai Schlüter (54) von Radio Bremen, der Grass schon 1999 bei der Nobelpreisverleihung begleitet hatte.

In zweijähriger Arbeit hat Schlüter die an vielen Orten verstreuten Akten gesichtet. 2300 Seiten über den „Bolzen“ - so der Deckname der Stasi für Grass - kamen so zusammen und bilden die Grundlage seines Buches „Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte“.

In einer von Hans-Jürgen Breitenstein moderierten Lesung beim Vellmarer Literaturverein „Ecke und Kreis“ stellte Schlüter sein Buch den 50 Zuhörern vor. Und er blätterte damit ein spannendes Kapitel der Zeitgeschichte auf. Zum einen beleuchtet Schlüter das Stasi-System anhand des „Vorgangs“ Günter Grass. Zum anderen vermittelt es geradezu intime Einblicke in die deutsch-deutsche Literaturgeschichte, und schließlich erfährt auch das öffentliche Bild von Günter Grass einige Korrekturen.

Wer wusste schon, wie beharrlich Grass nach dem Mauerbau 1961 am Begriff einer unteilbaren deutschen Kulturnation festhielt und wie intensiv er den Kontakt mit ostdeutschen Schriftstellern pflegte?

Schlüter führte den Zuhörern auch die paranoide Sammelwut der Stasi vor Augen, die Grass von 1961 bis 1989 überwachte, an DDR-Besuchen zu hindern und seinen Einfluss in Ostdeutschland klein zu halten versuchte. In der Rückschau mutet manches fast komisch an, etwa wenn die Stasi einmal notiert, Grass und seine Frau seien „sauber und ordentlich gekleidet“ gewesen.

Zwar hat sich Grass, so Schlüters Erkenntnis, durch die Stasi nicht verbiegen lassen. Doch Grass’ Behauptung, die Stasi sei in der DDR eigentlich nicht sonderlich erfolgreich gewesen, widersprach Schlüter und belegte dies mit erschütternden Schicksalen ostdeutscher Autoren.

Kai Schlüter: Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte, Verlag Ch. Link, 384 Seiten, 24,90 Euro.

Von Werner Fritsch

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