In Stationen zu Meisterwerken

Zeichnungen Raffaels in einer packenden Schau im Frankfurter Städel

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Anatomisch glaubhafte Bewegungsabläufe: Raffaels Studie für die „Disputa“ im Besitz des Städel Museums.

Frankfurt. Auch die größten Meister fangen klein an. Nämlich mit Skizzen, auf die Kompositionsentwürfe, Einzelstudien und Reinzeichnungen als Stationen zum Meisterwerk folgen.

Wie Raffael (1483-1520) - einer der herausragenden Künstler der italienischen Renaissance - mit Feder und Stift, Kreide und Pinsel seine gefeierten Tafelbilder und Wandmalereien vorbereitete, zeigt eine packende Schau im Frankfurter Städel Museum anhand von 48 Zeichnungen. Das Städel besitzt mit elf Arbeiten die umfangreichste und bedeutendste Gruppe von Zeichnungen Raffaels in Deutschland. Die anderen Blätter sind Leihgaben aus Europa und Nordamerika.

Gleich zu Anfang steht der Besucher vor der unscheinbar wirkenden Kritzelei mit dem Titel „Madonna mit Kind in einer Gloriole“ (um 1511/12). Der Meister hat aus dem Handgelenk mit Kohle einige bogenförmige Linien aufs Papier gesetzt. Kurator Joachim Jacoby erklärt: „Die Ideenfindung erfolgt bei Raffael während des Skizzierens. Die Frankfurter Zeichnung ist ein äußerst seltenes Zeugnis für die erste Phase der Bilderzeugung.“ So unscheinbar das Blatt aussieht: Es steht in Zusammenhang mit einem der populärsten Gemälde Raffaels überhaupt - mit Dresdens „Sixtinischer Madonna“, vor 500 Jahren im Auftrag von Papst Julius II. gemalt.

Julius II. hatte Raffael 1508 nach Rom berufen und ihn mit der Ausführung einer Wandmalerei in der Stanza della Segnatura, die seine Bibliothek aufnehmen sollte, beauftragt. Dieses Fresko im Vatikanischen Palast fiel so trefflich aus, dass weitere Aufträge folgten. Für Julius II. und dessen Nachfolger - Leo X. - malte Raffael insgesamt drei „Stanzen“ genannte Privatgemächer aus. Besonders berühmt sind die dort geschaffenen Fresken „Die Schule von Athen“, der Philosophie gewidmet, und die „Disputa“, welche die Theologie feiert.

Höhepunkt der Schau sind die Studienblätter (um 1508/09) für die „Disputa“ aus der Sammlung der Königin von England. Im Scheitel sind Gottvater und unter ihm Christus in einer kreisförmigen Gloriole schemenhaft erkennbar. Ein Kreis von Gelehrten ist durch Blicke, Gesten und Körperhaltungen zueinander in Beziehung gesetzt: Der Zusammenklang von bewegter Interaktion, Gefühlsausdruck und Harmonie in der Gestaltung von Figuren und Komposition wurde für die europäische Historienmalerei vorbildlich.

Am erstaunlichsten aber ist der mit Stift und Feder ausgearbeitete Entwurf für die Disputa aus dem Besitz des Städel: Nichts als nackte junge Männer, mit denen Raffael die Abbildung anatomisch glaubhafter Bewegungsabläufe und Haltungen sicherstellen wollte. In der weiteren Gemäldevorbereitung alterte das Bildpersonal jedoch und wurde sittsam als Theologen und Kirchenväter „eingekleidet“.

Bis 3.2., Schaumainkai 63, Infos: Tel. 069/6050980, www.staedelmuseum.de. Der Katalog (Hirmer Verlag) kostet 34,90 Euro.

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