TV-Ermittler aus Luzern

Interview: Stefan Gubser über seine Rolle als Schweizer „Tatort“-Kommissar

Aus der aktuellen Folge „Verfolgt“: Stefan Gubser als Reto Flückiger (vorn) mit Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) und seinem Vorgesetzten Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu). Foto: ard

Luzern. Seit 2011 ermittelt Stefan Gubser als Kommissar Reto Flückiger im „Tatort“ in Luzern. Im aktuellen Schweizer Fall „Verfolgt“ am Sonntag, 20.15 Uhr (ARD), geht es um gestohlene Bankdaten. Mächtige Männer aus der Finanzbranche haben ihre Finger im Spiel. Wir sprachen mit Gubser über seine Rolle

Was ist das typisch Schweizerische am Luzerner „Tatort“? 

Stefan Gubser: Klarerweise, dass wir in Luzern drehen. Aber auch die Schweizer Themen. Im aktuellen „Tatort“ geht es um Bankdatenklau. Das schwappt nach Deutschland, kommt aber aus der Schweiz. Im September drehen wir einen „Tatort“, der im Asylwesen spielt. Das ist auch ein brisantes Schweizer Thema, das sehr kontrovers diskutiert wird.

In der aktuellen Folge gelingt es, den Kontrast eines wunderbaren Idylls und erschütternder Machenschaften zu zeigen. 

Gubser: Das habe ich auch so empfunden. Luzern ist eine Bilderbuchstadt, aber da gibt es eben Kriminalität wie überall sonst auf der Welt. Mir gefällt das gut, wenn man nicht nur die Bilderbuchschweiz zeigt, sondern auch die dunklen Seiten. Im Asylfilm wird das auch stark zur Geltung kommen.

Wie viel Lokalkolorit ist das richtige Maß? 

Gubser: Wichtig ist, dass man sieht, wo der „Tatort“ gemacht ist. Aber man braucht es auch nicht zu übertreiben.

Nicht authentisch ist die Sprache. Sie würden ja Schwyzerdütsch sprechen. 

Gubser: Wir drehen original in Schweizerdeutsch. Das Schweizer Fernsehen dreht seit Jahren grundsätzlich im Dialekt. Das wird dann nachsynchronisiert.

Bedauern Sie, dass der „Tatort“ in Deutschland auf Hochdeutsch läuft? So geht wahnsinnig viel verloren. Die Sprache ist ein wichtiges Charakteristikum dieses Schauplatzes. 

Gubser: Ja, klar. Aber wir geben unser Bestes, die Synchronisation so gut wie möglich zu machen. Wir arbeiten intensiv daran. Aber ein kleiner Sprung lässt sich da leider nicht verhindern.

Wie viel Freiräume haben Sie, um der Rolle des Reto Flückiger Profil zu geben? Können Sie die Figur mitgestalten? 

Gubser: Bedingt. Ich krieg’ ein Drehbuch, das die Autoren entwickeln, da kann ich Wünsche anbringen. Natürlich reden wir darüber, und es gibt Drehbuchbesprechungen, da ist Mitarbeit gefragt. Ich arbeite intensiv mit dem Regisseur vor Drehbeginn, wo wir noch etwas rausholen können. Aber die Geschichte an und für sich ist einfach gegeben.

Manche Ihrer Kollegen beklagen sich, dass Autoren und Regisseure in Kleinigkeiten so schludrig mit ihren Ermittlern umgehen. Lena Odenthal in Ludwigshafen zum Beispiel hat mal eine Katze, dann wird sie wieder vergessen… 

Gubser: Da achtet die Redaktion schon sehr drauf. Es gibt eine „Bibel“ für die Autoren und Regisseure, und es ist Pflicht, dass sich jeder alle vorherigen Filme anguckt. Darüber bin ich sehr dankbar, damit eine Kontinuität gewahrt ist.

Viel weiß man über den privaten Flückiger nicht, richtig nahe kommt man ihm nicht. 

Gubser: Ich hoffe, dass sich das noch ändern wird. Es war von Anfang an das Konzept des Schweizer Fernsehens, dass man möglichst den Krimi, den Fall behandelt und nicht zu sehr auf die Person eingeht. Aber man merkt jetzt, dass es in so einer Reihe wichtig ist, Persönliches mit reinzubringen.

Als Schauspieler ist es doch sicher interessant, einer Rolle Konturen zu geben. 

Gubser: Auf alle Fälle. Na klar. Da bin ich um jedes Detail froh, das mir im Buch gegeben wird.

In Deutschland versammeln sich die Zuschauer sonntags um 20.15 Uhr vor dem Fernseher wie früher zum sonntäglichen Kirchgang. Hat der „Tatort“ in der Schweiz auch eine solche Bedeutung? 

Gubser: Mittlerweile hat sich das sehr entwickelt. Das krieg ich von vielen Leuten mit, dass um fünf nach acht - dann beginnt er in der Schweiz - wirklich „Tatort“-Zeit ist. Und wir haben über 30 Prozent Marktanteile. Es brauchte so ein bisschen Anlaufzeit, aber jetzt ist das Formast sehr erfolgreich.

Wie kann sich der Schweizer „Tatort“ behaupten? 

Zur Person: Stefan Gubser

Seit 2011 spielt Stefan Gubser (am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, 1957 in Winterthur geboren) den Kommissar Reto Flückiger in Luzern. Gubser absolvierte das Max-Reinhardt-Seminar in Wien, spielte zunächst vor allem Theater, wurde mit der TV-Serie „Eurocops“ bekannt. Der Vater einer 33-jährigen Tochter aus erster Ehe lebt, seit 18 Jahren erneut verheiratet, am Zürichsee.

Gubser: Indem wir gute Filme machen. Durch spannende, unterhaltsame Fälle. Es sind auch wirklich gute Leute aus der Filmszene dran. Bei uns sind Kino und Fernsehwelt nicht so getrennt, dazu ist die Schweiz zu klein. Und bis jetzt war ich mit den Autoren und Regisseuren immer äußerst zufrieden.

Es gab aber auch teils heftige Kritik am Luzerner „Tatort“, gerade aus Deutschland. Wie gehen Sie damit um?

Gubser: Konstruktive Kritik ist etwas sehr Positives, die muss man sich zu Herzen nehmen. Das Tolle am „Tatort“ ist ja, dass man nicht eine Folge nach der anderen dreht, sodass man nicht mehr über den Tellerrand schauen kann, wie bei einer Serie. Man hat die Zeit, daran zu arbeiten, ihn weiter zu entwickeln. Da darf es keine Routine geben. Da muss man jedes Mal sorgfältig hingucken und fragen: Was können wir besser machen?

Zuverlässig werden im „Tatort“ die Täter ermittelt und bestraft, um 21.45 Uhr ist das Böse besiegt, die Welt in Ordnung, die Nation kann beruhigt einschlafen. In der aktuellen Folge stehen Sie, ohne zu viel verraten zu wollen, im Grunde mit leeren Händen da, hilflos gegen die übermächtige Finanzwirtschaft. 

Gubser: Das ist ein mutiger Ausgang, der nicht die Gewohnheit bedient. Aber das ist auch richtig, weil es Fälle gibt, wo Machenschaften mächtiger sind als die Möglichkeiten der Polizei. Das hat etwas mit der Realität zu tun.

Wird das in der Schweiz für Aufregung sorgen? 

Gubser: Das weiß ich nicht. Ich bin gespannt - auch wie die Reaktion in Deutschland ist.

Erklären Sie mal die Rolle Ihres Vorgesetzten. Wann gehen Sie dem an den Kragen? 

Gubser: Der ist Regierungsrat.

Ist das ein Dienstvorgesetzter oder ein Politiker? 

Gubser: Der ist eigentlich Politiker, hat aber die ganze Polizei unter sich. Er ist also der oberste Chef der Polizei. Er hat politische Zwänge, die er bedienen muss. Anders als wir von der Polizei, die einen Fall lösen wollen, ohne Rücksicht auf politische Verwicklungen. Das ist ein schönes Konfliktpotenzial.

Ich hab gelesen, Sie gehen auch gern in die Natur, Sie gehen gern wandern. 

Gubser: Absolut. Das verbindet mich mit dem Flückiger total. Ich bin ein richtiger Wanderfreak. Jede freie Minute gehe ich raus.

Und Ihr Lieblingswandergebiet? 

Gubser: Das ist das Münstertal, ganz am Ende der Schweiz in Graubünden. Da ist auch der Schweizer Nationalpark. Da bin ich sehr oft.

Von Mark-Christian von Busse

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