Sauerland-Open-Air in Willingen: Es geht auch ohne Ballermann-Tamtam

Stelldichein der Stars

Er mag sich mehr als die Besucher ihn: Michael Wendler.

Willingen. Viel glänzt nicht an ihm. Seine Schuhe vielleicht. Und die Krawatte, dank unzähliger kleiner Glitzerapplikationen. Semino Rossi wirkt ein wenig fahl, als er am Samstagabend beim fünften Sauerland-Open-Air vor die knapp 30 000 Besucher tritt.

Einst vom Straßenmusikanten zum Superstar avanciert, erweckt der in Argentinien geborene Sänger mit eingefrorenem Dauerlächeln und roboterartigen Bewegungen den Eindruck, er wolle die große Bühne lieber gestern als heute wieder gegen die Straße tauschen. Tapfer besingt er die Sonne und den Himmel, der uns nie allein lässt. Hübsch! Doch anfangs etwas zu fad für die Partymenge, die gerade noch mit Olaf Henning das Lasso geschwungen und „Cowboy und Indianer“ gespielt hat.

Kontrastprogramm pur. Erst stundenlang Ballermann-Party mit unerträglichem Bass-Gewummer, jetzt edle Klänge, zusammengebraut nach strengstem Schlager-Reinheitsgebot, wie sie selbst in der legendären ZDF-Hitparade bestanden hätten. Auch wenn Rossi nach Jürgen Drews, DJ Ötzi und all den anderen Stimmungsclowns auf der großen Willinger Bühne zunächst deplatziert wirkt, liefert er, was man von einem Schlager-Woodstock erwartet: Herzschmerz, Harmonie, einen Hauch Fernweh. Das kommt an. Vor allem die „roten, roten Rosen“, die er gen Ende musikalisch verteilt. Jetzt wird, ganz schlager-like, geschunkelt statt gesprungen. Gesungen statt geschrien.

Anders als zuvor bei einem Michael Wendler, dessen Auftritt zwar der stürmischste des Tages ist, dies aber mehr den mächtigen Windböen denn Wendlers Darbietung zuzuschreiben ist. Er mag sich selbst mehr, als es das Publikum tut. Aufgesetzt arrogant wirkt er selbst dann, wenn er seiner Frau Mama ein Geburtstagslied singt oder seine Ode an den DJ auspackt.

Den Schlager-Stempel bekommt offenbar ein jeder aufgedrückt, sobald er deutsch singt. Andere Parallelen jedenfalls bleiben unerkannt, zwischen Party-Haudegen wie Wendler und Schlagergrößen wie Helene Fischer oder Nicole. Die nehmen es gelassen, ziehen ihr Ding durch und beweisen, dass es auch ohne alles Tamtam der Ballermann-Garde geht. „Wer Schlager mit Tiefgang will, der kann zu meinen Solokonzerten kommen“, sagt Nicole im Gespräch.

Die große Dame des Schlagers verzaubert in der Abendsonne mit Klassikern wie „Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund“ und Titeln ihrer aktuellen CD „Mit Leib und Seele“. Und ja, auch das berühmte bisschen Frieden hat die einstige Grand-Prix-Heldin im Gepäck. „Ohne geht es nicht“, sagt sie. „Stellen Sie sich vor, Reinhard Mey würde ,Über den Wolken’ nicht singen.“ Recht hat sie.

Von Sascha Hoffmann

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