Neu im Kino:

"Halt auf freier Strecke" - aufrüttelnd aber auch befreiend 

Damit der Papa nicht vergisst, wer wer ist, klebt die Familie sich Notizzettel auf die Stirn: Von links: Milan Peschel als todkranker Vater Frank, Mika Nilson Seidel als Mika, Steffi Kuehnert als Simone und Talisa Lilly Lemke als Lilli. Foto:  nh

Es wird viel gestorben im Kino, aber der Weg vom Leben in den Tod, wie er auf der Leinwand vermessen wird, hat nur selten etwas mit der Realität des Sterbens zu tun. In seinem neuen Film „Halt auf freier Strecke“ geht Andreas Dresen diesen Weg in ganzer Länge ab und kommt dabei der Wahrhaftigkeit des Sterbens so nahe, wie man es im Kino noch nicht gesehen hat.

Schon die erste Szene, in der die Diagnose eines unheilbaren Hirntumors mitgeteilt wird, durchbricht alle Abwehrschilder. Die ungelenken Sätze des Arztes, das schmerzhaft lange Schweigen, die unbeholfenen Fragen des Patienten - ganz ohne dramatische Verstärkereffekte entfaltet die Szene ihre emotionale Kraft und setzt den Ton der Erzählung, die mit einer Mischung aus Empathie und Nüchternheit das Schicksal seiner Figuren verfolgt.

Frank (Milan Peschel) und Simone (Steffi Kühnert) sind mit ihren beiden Kindern Lilli (Talisa Lilli Lemke) und Mika (Mika Nilson Seidel) gerade in ein schmales Reihenhaus am Berliner Stadtrand gezogen. Laminatböden, Ikea-Möbel, Autobahnanschluss und ein unverbauter Blick in eine unspektakuläre Landschaft. Ein paar Monate, vielleicht auch ein Jahr bleiben Frank noch.

Was folgt sind Stationen des Abschiedes. Angefangen damit, dass man es den Kindern und Eltern sagen muss, den Spind auf der Arbeitsstelle ausräumt, dass irgendwann die Kraft fehlt, das Hochbett im Kinderzimmer aufzubauen, und der Tumor langsam die Regentschaft im Kopf übernimmt.

Nichts ausgespart

„Halt auf freier Strecke“ spart nichts aus, weder die Verzweiflung noch die Normalität, die das Leiden nach einer Weile bekommt. Die Familie entscheidet sich, dass der Vater nicht im Hospiz, sondern zu Hause sterben soll. Eine Palliativmedizinerin steht beratend zur Seite, und genau wie der Neurologe zu Beginn des Filmes, ist die Rolle mit einer Ärztin besetzt, die auch im echten Leben in diesem Bereich arbeitet.

Aber es gibt auch Brechungen in diesem emotionalen Realismus, etwa wenn Thorsten Merten als Tumor auftritt, der bei der „Harald Schmidt Show“ damit prahlt, dass er längst die Kontrolle über Franks Hirn übernommen hat. „Halt auf freier Strecke“ ist ein aufwühlender, aber ungeheuer bereichernder Film, dem es gelingt, den Tod als Teil des Lebens erfahrbar zu machen. Als die Tochter sich am Totenbett von ihrem Vater verabschiedet hat, sagt sie nach einer kurzen Pause zu ihrer Mutter: „Ich muss zum Training“. Einen besseren Schlusssatz kann man sich nicht vorstellen.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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