Stereo Total: Die erstaunliche Karriere des Nordhessen Brezel Göring

Bubblegum-Chansons für den Underground: Brezel Göring mit seiner Lebens- und Band-Partnerin Françoise Cactus. Foto: Staatsakt

Brezel Göring war 1993 am Einkaufen, als sich sein Leben für immer änderte. Fünf Jahre zuvor war der aus dem nordhessischen Wolfhagen stammende Musiker nach Berlin gezogen.

Er lebte in einem besetzten Haus im Osten, spielte in Garagen-Bands, und dann traf er im Supermarkt diese Französin mit den langen Beinen und dem lauten Lachen, wie Göring seine Freundin Françoise Cactus heute beschreibt.

Für sie begann der Vegetarier zwischenzeitlich sogar, wieder Fleisch zu essen. 19 Jahre später sind die beiden immer noch zusammen und bilden als Stereo Total das Traumpaar des deutschen Indie-Pop. Mit ihrer Mischung aus Bubblegum-Chansons, Punk, Schlager, Sixties-Beat und Kinderliedern war das Duo mit Stars wie den Beastie Boys und den Strokes auf Tour. Die Platten werden sogar in den USA, Japan und Lateinamerika vertrieben - und trotzdem kennt Göring hierzulande fast niemand.

„Wir machen Underground-Musik jenseits des Mehrheitsgeschmacks“, sagt der Multi-Instrumentalist, der eigentlich Hartmut Richard Friedrich Ziegler heißt. Am Bekanntheitsgrad von Göring wird sich auch mit dem 13. Stereo-Total-Album nichts ändern. Auf „Cactus versus Brezel“ rumpelt es wieder nach allen Regeln des perfekten Dilettantismus.

Aufgenommen haben Stereo Total die 15 neuen Lieder im Studio des Kaliforniers Gus Seyffert, der im vorigen Jahr Lenas Grand-Prix-Beitrag „Taken By A Stranger“ schrieb. Sein Studio, sagt Göring, sei auf dem technischen Stand von 1968 stehen geblieben. Viele Verspieler haben sie bei der Live-Aufnahme drin gelassen: „Das gibt eine bestimmte Art von Wirklichkeit.“

Dazu singt Cactus mit ihrem charmantem Deutsch-Französisch erneut ironische Texte wie im „Lied für Vegetarier“, in dem es um penetrante Fleischverzichter wie „Fräulein Gemüse“ geht. Darüber kann auch der Vegetarier Göring lachen, der Ende der 80er Teil der lebendigen Kasseler Punk-Szene war. Er spielte Orgel bei Haunted Henschel, Schlagzeug in einer Big Band und experimentierte bei der Noiserock-Combo Sigmund Freud Experience mit Synthesizern.

Nachdem er ein Jahr lang als Techniker am Staatstheater gejobbt hatte, verabschiedete er sich nach Berlin. Manchmal findet Göring, dass das Leben in der Metropole auch nicht anders ist als in Wolfhagen, wo seine Eltern leben: „Kreuzberg ist meine Provinz. Zuletzt habe ich unser Viertel zwei Wochen nicht verlassen.“

Dort kommt er auf verrückte Ideen: Einmal hat er die Platte „Zehn tolle Dinge über Deutschland“ veröffentlicht - die Scheibe war leer. Einige Exemplare hat er heimlich in Plattenläden geschleppt und mit fremden Barcodes versehen. Aber auch mit diesem lustigen Gegenteil eines Ladendiebstahls hat es Göring nicht in die Charts geschafft.

Stereo Total: Cactus versus Brezel (Staatsakt).

Wertung: drei von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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