Die 22 Jahre alte Zola Jesus wird für ihren Gothic-Stil gefeiert

Stern am Nachthimmel

Wie aus einer anderen Welt: Zola Jesus. Foto:  nh

Die Sonne hat keine Chance. Der jüngste Stern am Nachthimmel melancholischen Überwältigungspops ist 22 Jahre jung, heißt Nika Roza Danilova und wohnt in Los Angeles. Selbstverständlich hat Danilova einen Künstlernamen: Sie nennt sich Zola Jesus; ihr drittes Album titelt „Conatus“.

Darum, wie es sich anfühlt, den Verstand zu verlieren, geht es in ihren neuen Songs. Sie besingt allerlei Sünden und Zwänge sowie unbekannte, durchaus verführerische Ängste. Sie klingt verloren, gequält, rastlos, aber auch: eigensinnig und selig, wenn sie mit kräftiger, operngeschulter Stimme über monotone Drum-Machine-Beats und satt dröhnende Bässe, über sorgsam geschichtete Dreampop-Synthiesphären gleitet.

Geliebt von einer stetig größer werdenden Fanschar kehrt Danilova, die in einer Jagdhütte im Wald von Wisconsin ohne Fernsehen aufwuchs und ihrem Papa beim Zubereiten erlegter Fasane und Hirsche half, ihr Innerstes fast ein bisschen zu bereitwillig nach außen - auch in sämtlichen Interviews. Sie beschreibt sich verschwommen als „stark angstbesetzt“, und zweifellos kokettiert sie, wenn sie sagt, dass sie ihre Ängste während eines Konzertes mit einem Saal voller Leute teilen muss, schließlich zwingt sie niemand. Ja, sie weiß natürlich, dass sie „daran nicht sterben kann“, nur um dramatisch hinterherzuschieben: „höchstens innerlich“.

Aber warum nicht? Pop liebt den angstbeladenen Seelenstriptease. Und dann ist da noch das Argument zyklisch wiederkehrender Modephänomene. In diesem Fall das Gothic-Revival mit seinen Genreschubladen, aus denen, sobald man sie aufzieht, zahlreiche, recht ähnlich ausschauende Geister huschen.

Hühnerknochenketten, Hexenflugsalben und Werwölfe sind das eine. Der Blick in den Abgrund, der man selber ist, das andere. Dass Zola Jesus es mittlerweile hasst, in die Gothic-Ecke geschubst zu werden - geschenkt. Denn wer die frühen Achtziger kennt, kennt auch Siouxsie Sioux, die große Entertainerin des New Wave. Die nur 1,50 Meter große Zola Jesus entfaltet eine vergleichbare Wucht bei ähnlicher Stimmlage.

Siouxsies herrlich bollernde, dröhnend elliptische Abfahrt „Circle“ aus dem Jahr 1982 im Ohr, kann man sich eigentlich nur freuen: weil Verwandtschaft auch etwas sehr Schönes sein kann.

Zola Jesus: Conatus (Souterrain Transmissions / Rough Trade). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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